Musik und Theater aus Fernost - Teil 1: Taiwan

09/08/2017

Mehr als zehn Top-Konzertsäle gibt es in Tokio, oft versteckt in riesigen Businesskomplexen oder Bürohochhäusern, da während des japanischen Wirtschaftsbooms in den 1980er und 1990er Jahren große Firmen durch die Kunstförderung ihr Image verbessern wollten.
Südkorea liegt weit vorne beim Export von hervorragend ausgebildeten klassischen Musikern und hat in den vergangenen zwanzig Jahren bei internationalen Musikwettbewerben mehr als 400 Finalisten und 80 Sieger herausgebracht. Taipeh kann mit dem National Symphony Orchestra (NSO) unter seinem Chefdirigenten Shao-Chia Lü , das im Ausland auch als Taiwan Philharmonic auftritt, einen der Nummer-Eins-Klangkörper in Asien vorweisen. Und selbst die Müllabfuhr der taiwanesischen Hauptstadt kündigt sich mehrmals täglich mit Beethoven an:
Für Elise dudelt aus den Lautsprechern der Wägen, und schon flitzen die Leute aus ihren Häusern um den Abfall wegzubringen. 
Klassische Musik europäischer Provenienz hat in Asien einen enorm hohen Stellenwert. Das Wissen um Repertoire und Interpretationsstil ist groß. 
Aber wie ist es umgekehrt? Wer bei uns kennt schon die traditionelle Taiwan-Oper? Wer weiß, wie man den koreanischen Pansori-Gesang interpretieren muss? Wer hat schon einmal eine viele Stunden dauernde Aufführung des japanischen Kabuki-Theaters besucht?

In drei Folgen stellen wir Euch Musik und Theater der drei Länder vor, die das Bayerische Staatsorchester und die Bayerische Staatsoper auf ihrer Asien-Tournee besuchen.

Identitätssuche - Musik und Bühnenkunst in Taiwan

Mehr als nur Kulturgut, sondern schon fast ein Politikum ist die Taiwan-Oper. Im Prozess der Identitätsfindung Taiwans und in der Abgrenzung von der Volksrepublik China spielte diese im späten 19. Jahrhundert entstandene Bühnenform eine entscheidende Rolle. Hier wirken alle Künste zusammen: traditionelle Instrumentalmusik, Gesang, Schauspiel, Rezitation. Die Geschichten sind meist Episoden aus dem taiwanesischen Volksleben oder populäre Legenden, gesungen und gespielt in einer taiwanesischen Variante des Chinesischen oder in regionalem Dialekt. Schon deswegen sind diese Musikdramen Stolz und Seele der Taiwanesen.

Szene aus einer Taiwan Oper, Ghost Festival Ritual (Aus wiki commons von MnB)

Ihre Blütezeit hatte die Taiwan-Oper, so wie sie heute noch existiert, Mitte des 20. Jahrhunderts, die einzelnen Elemente reichen jedoch viel weiter zurück: ein seit alters her überlieferter Gesangsstil und traditionelle Instrumente aus der klassischen chinesischen und taiwanesischen Musik. Etwa das Yehu, ein Streichinstrument mit einer Kokosnussschale als Resonanzkörper, die chinesischen Kniegeigen Erhu und Jinghu oder das an eine Oboe erinnernde Suona. Darüber hinaus prägen Saiteninstrumente wie das zitherartige Guqin, das Hackbrett Yangqin und vor allem die lautenähnliche Pipa die Musik Taiwans, die vieles aus der traditionellen chinesischen Musik übernommen hat. Außerdem verschiedene Trommeln, Gongs und Blasinstrumente. 

Yehu
Pipa
Erhu
Yangqin

Die Lieder der Taiwan-Oper stammen oft aus der Volksmusik, typischerweise gesungen mit dünner, resonanzschwacher Stimme oder im Falsett. So singt man in einem der bekanntesten Stücke des Repertoires, der „Teepflücker-Oper“, etwa die Lieder der Bauern auf den Teeplantagen. Das Figurenspektrum besteht aus drei Grundtypen: sanften und tapferen Männern, zarten Frauen und Spaßmachern, die ihre Geschichten mit suggestiver Sprechmelodie und einem expressiven Gestenrepertoire vortragen, begleitet von einer die Handlung eindringlich unterstützenden Musik. Anders als viele weitaus ritualisiertere und vor allem ältere asiatische Theaterformen ist die Taiwan-Oper, die ja noch ein relativ junges Genre ist, vor allem eine Kunst des Volkes und eine Kunst für das Volk, in der sich Klassisches und Populäres mischen.

Die klassische chinesische Musik, wie sie auch in Taiwan gepflegt wird, legt im Unterschied zur westlichen Musik größeren Wert auf den Ton als auf die Melodie. Tonhöhe, Tonart und Klangfarbe sind wichtiger als einprägsame Linien. Da die Musik einst auch eine kosmologische Bedeutung hatte, konnte das Spielen einer falschen Note sogar als schlechtes Omen gedeutet werden. Generell basiert die Musik auf der Tonleiter aus fünf Tönen, der pentatonischen Skala, aus der sich verschiedene Tongeschlechter ableiten. Entsprechend der Fünf-Elementen-Lehre (Holz, Erde, Feuer, Metall, Wasser) aus der chinesischen Philosophie werden diese fünf Töne mit vielen kosmologischen, spirituellen und geistig-seelischen Phänomenen in Verbindung gebracht, sodass der Musik immer auch etwas Metaphysisches innewohnt.

Auch wenn sich Taiwan in jüngerer Zeit ganz bewusst vom riesigen Nachbarn China abgrenzt und in vielen Bereichen der Kultur großen Wert auf Eigenständigkeit, auf das typisch Taiwanesische legt, so sind doch gerade in der Musik die geschichtlich bedingten Gemeinsamkeiten mit China kaum zu überhören. Mit der Taiwan-Oper hingegen ist auf der Insel etwas ganz Eigenes entstanden, das Tradition und Moderne, Volkskunst und Hochkultur zusammenbringt.

Ein Beispiel für die Taiwan Oper haben wir beim National Center of Arts, Taiwan, gefunden:

 

 

Heurich, Florian

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