„Il Trittico“ – Die Kunst des Einakters

12/20/2017

„Il Trittico“ an der Bayerischen Staatsoper

„Il Trittico“ an der Bayerischen Staatsoper

Einakter gibt es in der Operngeschichte immer wieder. Doch was Puccini in Il Trittico daraus macht, ist in dieser Form einzigartig: drei eigenständige Opern, die allerdings zusammen einem Gesamtkonzept folgen. Das Trittico ist keineswegs ein Zufallsprodukt, sondern Ergebnis eines lange währenden Prozesses.

Nach den umfangreichen Musikdramen Richard Wagners und Giuseppe Verdis beschäftigte die Musikwelt die Frage, was denn auf jene formvollendeten Operndramen mit Leitmotivtechnik und einer vielstündigen Aufführungsdauer überhaupt noch folgen kann; eine Steigerung schien nicht mehr möglich. In Italien besann man sich deshalb um das Jahr 1880 herum zurück auf die Kurzform der Einakter, welche nicht gänzlich unbekannt war. Bereits ab dem 16. Jahrhundert war es üblich, kleinere und für sich stehende „Mini-Komödien“ als intermedie zwischen die Akte der Tragödien einzuschieben, um die Vorstellungsabende abwechslungsreicher zu gestalten. Aus diesen entwickelten sich mit der Zeit die komischen intermezzi zwischen Sopran und Bassbuffo, in Frankreich schuf man Abwechslung durch Balletteinlagen zwischen den Tragödienakten.

Nach jenem „Höhepunkt der Oper“ hatte nun der italienische Verlag Sonzogno die Idee, den Einakter wieder aufleben zu lassen, und schrieb 1883 einen Wettbewerb aus. Ziel war es, besonders die jungen Nachwuchskomponisten dazu aufzufordern, in Einaktform zu komponieren. Diese Form sollte einen Gegenpol zum mehrstündigen Musikdrama bilden und der Einakter trotz seiner Kürze noch immer genauso mitreißend wirken. Auch Puccini, der gerade sein Kompositionsstudium beendet hatte, beteiligte sich an jenem Wettbewerb – Preisträger waren schließlich u.a. Leoncavallo mit Pagliacci (später zu zwei Akten ausgearbeitet) und Mascagni mit seiner Cavalleria rusticana. Puccinis erste Oper, der Einakter Le Villi, ging bei diesem Wettbewerb allerdings leer aus. Erst später wurde sie zu einer zweiaktigen Version ausgearbeitet und mit Hilfe von Arrigo Boito (dem Komponisten des Mefistofele) zur Aufführung und erstem Erfolg des jungen Puccini gebracht.

Die Idee des Einakters schien Puccini seitdem nicht mehr losgelassen zu haben. Um die Jahrhundertwende beschäftigte er sich intensiver mit der Idee dreier aufeinander abgestimmter Kurzopern, die sich verschiedenen Episoden aus der Göttlichen Komödie Dantes widmen und jeweils die Bereiche Inferno, Purgatorio und Paradiso (Hölle, Läuterungsberg und Paradies) abbilden sollten. Sowohl die unbefriedigende Libretto-Suche nach drei passenden Geschichten, als auch in entscheidender Instanz Puccinis Verleger Giulio Ricordi sprachen gegen die Umsetzung dieser Stoffidee. Allerdings legte Puccini damit den Grundstein für sein Trittico, das sich ebenso wie die Göttliche Komödie in drei zunächst unabhängigen Teilen unter einem Thema vereinen sollte. Über die Jahre versuchte der Komponist immer wieder, die Idee der drei einzelnen Akte doch noch umzusetzen und überlegte beispielsweise 1907, Literatur von Maxim Gorki zu vertonen. Erneut äußerte Verleger Ricordi seine Bedenken, dass jene Themen sich nicht für eine Oper eignen und sich dem Publikum nie verkaufen lassen würden.

Schon 1905 schrieb Puccini erstmals in einem seiner Briefe von dem Wunsch, eine Komödie zu komponieren, „aber eine wahre Komödie, komisch im italienischen Sinn; ohne historischen Schatten oder gar abschließende Moral an irgendjemanden.“ Doch wie bei fast allen Opern war er auch dieses Mal schier endlos auf der Suche nach einem passenden Ausgangstext. „Es ist schwieriger, zum Lachen zu bringen als zum Weinen“, musste er erkennen. Erst 1912 wurde Puccini der junge Librettist Giuseppe Adami für eine komische Oper vorgeschlagen. Doch die Kompositionslust verflog auf einen Schlag, als am 6. April 1912 sein Freund Giovanni Pascoli verstarb und zwei Tage darauf zudem seine Schwester Ramelde, zu der er ein enges Verhältnis pflegte. Auch Giulio Ricordi verstarb am 6. Juni desselben Jahres, der "Verlegervater", der rund 30 Jahre lang Puccinis Schaffen begleitet und den Komponisten in wichtigen Fragen geleitet hatte.

In dieser Zeit sah Puccini das Theater- und Schauerstück La Houppelande von Didier Gold in Paris, welches die Basis für den 1916 fertiggestellten Il Tabarro lieferte, den er in Zusammenarbeit mit Adami schrieb. Puccini war sich inzwischen sicher, dass Il Trittico mit Le Houppelande, einem zweiten sentimental-lyrischen Stück und einer Komödie umzusetzen war. In die engere Auswahl für den zweiten Akt schaffte es die Heiligenlegende Margherita da Cortona, die ihm schon einige Jahre zuvor als Opernlibretto vorgelegt worden war. Doch die Stoffsuche für die beiden Folgestücke ereignete sich letztendlich einfacher als gedacht: Giovacchino Forzano (studierter Mediziner, Journalist und Hobbysänger – später Dramatiker, Regisseur und Publizist) trat 1917 an Puccini heran. Er schlug ihm, wohl auf einer gemeinsamen Zugfahrt, sowohl das Libretto zur Suor Angelica als auch zum Gianni Schicchi vor. Puccini war begeistert – und Il Trittico endlich komplett.

Amelie Langermantel

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