Fußball-WM oder Festspiele: Meine falsche Entscheidung

Staatsoper und Fußball? Laut unserer letzten Besucherbefragung müssen sich mindestens 6% unserer Besucher zumindest ab und zu für eine der beiden Leidenschaften entscheiden: sie gehen regelmäßig zu uns – und zugleich mindestens einmal im Jahr ins Stadion. So auch ich. So schlecht entschieden wie an diesem einem Abend 2014 habe ich mich jedoch lange nicht mehr: der Abend, an dem ich mich gegen die letzte Zugabe von Anja Harteros und für ein Fußballspiel entschieden habe. Ein persönlicher Rückblick.

Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 ­– unvergessen das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen die Seleção aus Brasilien. Vielleicht haben Sie sogar noch vor Augen, wo und in welcher Freundeskonstellation Sie sich dieses „Jahrhundertspiel“ angesehen haben, eben halt so, wie man sich an solche Einzelheiten bei besonderen Ereignissen zurückerinnert. An diesem 8. Juli 2014 spielte die Bayerische Staatsoper übrigens einen Fliegenden Holländer. Die Vorstellung verlief ohne Zwischenfälle und war laut Abendbericht der Spielleitung pünktlich um 21.30 Uhr beendet – auch dank eines zügigen Dirigats. Somit war noch genügend Zeit, bis 22.00 Uhr einen Ort zu erreichen, an dem man diesen höchsten Halbfinalsieg aller Zeiten bei einer Fußball-WM von Anfang an erleben konnte.

Zwei Runden vorher: Die Achtelfinalpartie gegen Algerien war ein deutlich zäheres Spiel für die deutsche Nationalmannschaft. Sie erinnern sich vielleicht, Per Mertesacker musste danach drei Tage in die Eistonne.

 

MC Mertesacker feat. Vanilla Ice -- Eis, Eis, Tonne

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Grundsätzlich machte sich die deutsche Öffentlichkeit vor dem Spiel wenig Sorgen, in die nächste Runde einzuziehen. Nervös war ich vor diesem ersten K.O.-Spiel dennoch, die Algerier hatten in der Vorrunde mit Russland immerhin den Gastgeber der nächsten WM-Runde hinter sich gelassen und überhaupt: es ging halt endlich um etwas – eine Niederlage hätte das Ende der Deutschlandfahnen an den Autoantennen bedeutet. Mein Festspiel-Terminkalender führte mich an diesem 30. Juni 2014 um 20.00 Uhr zum Liederabend von Anja Harteros und Wolfram Rieger in das Nationaltheater. Ich wusste, es würde ziemlich knapp werden, danach den Spielbeginn um 22.00 Uhr rechtzeitig mitzuerleben. Es war mindestens mit Fußballspiellänge zu rechnen, inklusive Pause. Auf dem Programm: „Eine Halbzeit Schubert, eine Halbzeit Brahms1“.

Das Haus war auch trotz des wichtigen Anschlusstermins ausverkauft und ich erlebte erwartungsgemäß einen ganz wunderbaren Abend, dessen reguläres Programm nach einer ungewohnt knappen Halbzeitpause deutlich vor 22:00 Uhr beendet war. Doch wie an einem „wunderbaren Abend“ üblich, erklatschte sich das Publikum freilich eine erste Zugabe, dann eine zweite. Na gut, sagte ich mir, die Dritte nehme ich noch mit, dann wird es wirklich knapp – und generell: Was sollte nach dieser dritten Dreingabe, Schuberts „An die Musik“, überhaupt noch kommen? Im Nachhinein habe ich natürlich einige Antworten auf diese Frage: Bei Waltraud Meier wäre das beispielsweise das Brahms`sche „Guten Abend, gut` Nacht“ gewesen, ein ähnlicher Magenschließer wie You’ll never walk alone bei „Liederabenden“ mit singenden England- und insbesondere Liverpool-Fans. Wobei letzteres auch dann gesungen wird, wenn dem Publikum der Abend sonst nicht so gefallen hat.

You'll never walk alone

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Letztlich habe ich vom Spiel Deutschland gegen Algerien nur eine Handvoll Spielminuten verpasst. Im alten Festspiel-Forum las ich am Tag darauf, dass die Harteros ausgerechnet noch mein persönlich liebstes Lied als vierte und letzte Zugabe gesungen hat: Richard Strauss` Morgen. Mein Ärger war natürlich groß – denn wann fielen alle Tore? Erst in der Verlängerung! Da wäre sich ein Morgen – und auch eine komplette Winterreise – noch locker ausgegangen. Ich gelobte mir noch am selben „Morgen danach“, so eine falsche Entscheidung nicht wieder zu treffen – und kann es in diesem Jahr wieder gut machen. Auch in diesem WM-Jahr auf dem Spielplan: ein Festspiel-Liederabend mit Anja Harteros & Wolfram Rieger. Dieses Mal ist die Partie im Nationaltheater sogar zeitgleich zu einem WM-Spiel angesetzt. Nicht irgendeines, sondern das zweite Halbfinale – mit deutscher Beteiligung, wenn die Gruppe F als Gruppensieger und auch das Achtel- und Viertelfinale danach überstanden werden. Aber Sie wissen ja: Solche K.O.-Spiele gehen gerne in die Verlängerung. Der Liederabend wird noch vor dem Elfmeterschießen beendet sein – und sicherlich auch alle Zugaben.

Fußball oder Oper? Ein kleiner Planungsassistent

Unser WM-Planer für Opernbesucher: Deutschland wird Gruppenerster
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1 zitiert aus Fabian Stallknechts Blog.

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