Eine haarige Angelegenheit

06/07/2017

Überall Haare! Sie hängen in Strähnen von Ständern herab, liegen in Boxen und auf jeder freien Ablagefläche. Blond, schwarz, lockig oder kurz. Im Regal stehen Styroporköpfe, wahlweise mit Lockenwicklern,  Kurzhaarschnitt oder opulenter Hochsteckfrisur. Sie sind mit kleinen Klebezetteln versehen: Anja Harteros, Tara Erraught oder Klaus Florian Vogt. Hier werden die Perücken für die Produktionen des Hauses gefertigt. Hier verwandeln sich Sänger in Figuren. Wir haben uns in der Perückenwerkstatt angesehen, wie eine Perücke entsteht – und aus Bariton Christian Gerhaher Wolfram von Eschenbach in der aktuellen Tannhäuser-Produktion wird.

Anke Knaf, stellvertretende Chefmaskenbildnerin
Anke Knaf, stellvertretende Chefmaskenbildnerin

Anke Knaf, die stellvertretende Chefmaskenbildnerin der Bayerischen Staatsoper, erklärt, wie eine Bühnenperücke hergestellt wird:


Wir brauchen zuerst die genauen Maße des Kopfes, das geht am besten mit einem Gipsabguss. Dazu kommt der Sänger – in diesem Fall also Christian Gerhaher – zu uns in die Maskenbildnerei. Dort kleben wir ihm eine Glatze auf, um seine Haare zu schützen. Mit Gipsbinden erstellen wir dann eine Schale des Kopfes, auf die wir auch gleich Haaransatz und Scheitel einzeichnen. Diese Schalen gießen wir aus, um einen Gipskopf mit der Haarlinie des Sängers zu erhalten. Darauf erstellen wir dann die Perücke. Diese ersten Schritte sind bei vielen Perücken, die wir für die Bayerische Staatsoper herstellen, identisch. Nur so passt die Perücke am Ende hundertprozentig.

Christian Gerhaher in der Maskenbildnerei
Christian Gerhaher in der Maskenbildnerei: Der Gipsabdruck hilft den Maskenbildnern, eine passgenaue Perücke zu fertigen.

Als nächstes entscheiden wir uns, aus welchem Material wir die Frisur machen. Dieser Schritt passiert in Rücksprache mit dem Kostümbildner, in diesem Fall mit Romeo Castelluccis Regieassistentin Silvia Costa. Bei der Rolle des Wolfram sollten wir eine sehr dunkle Perücke anfertigen, aus fast schwarzen, streng zurückgekämmten Haaren.

Als nächstes machen wir die Montur, dabei arbeiten wir meistens mit Tüll. Den schlagen wir auf den Gipskopf auf und vernähen ihn so, dass später beim Sänger alles ganz eng anliegt. Danach entscheiden wir uns, ob wir einen Teil der Haare auf die Perücke kleben können oder ob wir alles knüpfen müssen. Das kommt ganz auf die Frisur an. Bei den Herren sollen die Haare am Nacken und Hinterkopf meist ganz flach anliegen, da darf nichts abstehen. Deshalb haben wir bei der Perücke für Christian Gerhaher diese Partie auch geklebt. Am Oberkopf haben wir geknüpft – das sieht in diesem Fall schöner aus, weil man da keine Klebeflächen hat, die sonst ja beim Deckhaar sichtbar wären.

Wir waschen die Perücke und machen einen Grundschnitt. Zur letzten Anprobe kommt der Darsteller dann nochmal zu uns, dabei kontrollieren wir, ob die Passform wirklich stimmt. Gleichzeitig legen wir die Haarlänge und den Schnitt fest. Der endgültige Schnitt folgt dann wieder auf dem Gipskopf. Den überstehenden Tüll, der nicht gebraucht wird, schneiden wir dabei ab. Nur an der Stirn und im Nacken wird etwas stehen gelassen, damit die Perücke später beim Sänger angeklebt werden kann.

Das Knüpfen der Perücke ist zeitintensive Handarbeit.
Das Knüpfen der Perücke ist zeitintensive Handarbeit.

Frau Knaf, wie kann man sich das Kleben und Knüpfen genau vorstellen?
Also bei Ersterem kleben wir mit Gewebekleber etwa einen Zentimeter vom Haaransatz an den Tüll. Dabei arbeiten wir Blockweise – natürlich nicht mit zu vielen Haaren auf einmal, wir wollen ja nicht, dass die Frisur nach einem Teppich aussieht. Der Knüpfvorgang ähnelt aber der Teppichherstellung – nur, dass unsere Knüpfnadeln natürlich sehr viel dünner sind. An diesen befindet sich ein Wiederhaken. Man sticht durch den Tüll, nimmt sich ein, zwei Haare in einer Schlaufe mit einem kurzen und einem langen Ende, zieht diese durch den Stoff und macht einen Knoten. Beide Enden des Haares zieht man anschließend durch diesen Knoten. So erhält man einen langen Teil des Haares und einen kurzen, der Bart genannt wird, und nicht weiter auffällt. Wenn wir zwei gleichlange Enden hätten, würde das Haar nicht schön fallen.

Welche Tricks gibt es noch, damit Perücken natürlich aussehen?
Wir versuchen immer, eine Bewegung ins Haar zu bringen, durch Wirbel zum Beispiel oder verschiedene Knüpfrichtungen. Wir verwenden auch verschiedene Farbtöne. Am Nacken und an den Koteletten ist unser Haar immer dunkler. Auf das Deckhaar fällt Sonnenlicht und hellt es auf. Blonde Haare haben dagegen eine sehr deutliche Schattierung und einen etwas dunkleren Ansatz nahe der Kopfhaut. Das bilden wir alles so nach. Für die Wolframperücke haben wir menschliches Haar in dunkelbraunen bis schwarzen Tönen verwendet.

Welche verschiedenen Haararten verwenden Sie und worin besteht der Unterschied?
Echthaar fällt natürlicher als Kunsthaar aus Modacryl, das ist vor allem bei Langhaarperücken wichtig. Aber auch bei der schlichten Perücke für Christian Gerhaher sieht man, dass Naturhaare einen natürlichen Glanz im Licht haben, der so nicht reproduziert werden kann. Wenn es um Massenszenen geht, verwenden wir aber auch Kunsthaar, zum Beispiel bei den Bogenschützinnen der Tannhäuser-Ouvertüre. Echthaar ist ab einer Länge von 70 Zentimetern auch kaum mehr zu bekommen. Manchmal wird aber auch ein künstlicher Look gewünscht, zum Beispiel bei den Tänzern aus dem zweiten Akt des Tannhäuser, die ja lange, silberblonde Haare haben. Diese Perücken konnten wir dann gleich so bestellen. Manchmal verwenden wir aber auch Tierhaar, das stammt dann meistens vom Yakbüffel.

Wo bestellen Sie die Haare?
Die bekommen wir in einer speziellen Haarfabrik. Es gibt dort verschiede Qualitäten, Längen und Farben. Das Echthaar beziehen solche Fabriken aus Indien oder Asien, wo es einen großen Haarmarkt gibt. Haare werden dort aus rituellen Gründen abgeschnitten oder eben an Händler verkauft.

Machen die Maskenbildner hier am Haus die Haarschnitte eigentlich selbst?
Selbstverständlich, wir sind ja auch fast alle ausgebildete Friseure. Es gibt aber inzwischen eine staatlich anerkannte dreijährige Maskenbildnerausbildung, für die eine vorherige Friseurlehre nicht nötig ist. Dabei lernt man auch Perückenknüpfen und historisches Frisieren, die Bartherstellung, Spezialeffekte und so weiter.

Was passiert denn direkt vor der Vorstellung in der Maske?
Die Perücke ist zu diesem Zeitpunkt schon frisch gewaschen und frisiert. Die eigenen Haare des Sängers halten wir mithilfe von Gel und einem dünnen Tüllband aus dem Gesicht. Dann setzen wir die Perücke auf, befestigen sie mit Haarnadeln an dem Band und kleben sie mit Mastix an der Stirn und im Nacken fest.

Christian Gerhaher in der Maske
Christian Gerhaher in der Maske

Wie lange haben Sie an der Perücke für Christian Gerhaher gearbeitet?
Insgesamt haben wir 40-50 Stunden an der Wolframperücke gearbeitet. Wir haben circa drei Wochen vor der Klavierhauptprobe angefangen. Aber nachdem wir ja immer mehrere Perücken herstellen müssen, muss eine in circa eineinhalb Wochen fertig sein.

In welchen Perücken steckt sogar noch mehr Arbeitszeit?
Also aufwendig sind generell Perücken mit Aufbauten, für Rokoko- oder Barockinszenierungen beispielsweise. Da werden dann zusätzlich noch mehrere Haarteile angebracht, die wir auch selbst fertigen. Für die gesamte Herstellung brauchen wir dann manchmal 80-90 Stunden. Aber auch normale, aber sehr detaillierte Perücken brauchen ihre Zeit, wenn also sehr fein und mit Einzelhaaren geknüpft werden muss.

Ist Knüpfen in einer Form meditativ?
Ich finde ja. Ich kann dabei gut zur Ruhe kommen und meine Gedanken schweifen lassen. Ich höre aber auch gerne Musik während dem Knüpfen, einige Kollegen Hörbücher. Man kann sich schon auch nebenbei beschäftigen, muss aber auch immer konzentriert bleiben – weil wir ja, wie gesagt, nicht nur gerade runter knüpfen, sondern eine schöne Haarstruktur schaffen möchten. Am Anfang dachte ich, das wird nie etwas, ich werde nie im meinem Leben eine ganze Perücke fertig bekommen. Das ist wie mit dem Schreiben, da dachte man in der ersten Klasse auch, dass man nie ein ganzes Blatt füllen wird. Aber irgendwann geht es ganz von alleine. Ich finde es sehr schön, dass dabei etwas entsteht, das einen Sänger oder Darsteller sehr verändert und ihm oder ihr in eine Rolle hinein hilft.

Gab es denn schon einmal während einer Vorstellung einen Perückenunfall?

Da gibt es eine lustige Anekdote, die ist mir zwar nicht hier passiert, aber noch an einem anderen Haus. Ein Balletttänzer mit einer sehr langen Perücke ist dort in einem Vorhang des Bühnenbilds verhangen. Er kam nicht mehr los, aber die fest fixierte Perücke ging auch nicht ab. Irgendwann zerriss dann der Vorhang – aber unsere Perücke hat gehalten.


Und manchmal ist ein Teil der Arbeit dann auch umsonst: Nach der Orchesterhauptprobe entschied sich das Regieteam gegen ein zusätzliches Haarteil, das an der Perücke befestigt werden sollte. Für den Dutt musste aber wenigstens niemand knüpfen.

Christian Gerhahers Perücke bei der Orchesterhauptprobe
Christian Gerhaher bei der Orchesterhauptprobe...
... und bei der Generalprobe mit der endgültigen Perücke, wie sie schließlich auch in den Aufführungen zu sehen ist.
... und bei der Generalprobe mit der endgültigen Perücke, wie sie schließlich auch in den Aufführungen zu sehen ist.

Jennifer Gaschler

Back

Kommentare

New Comment