Ein Pferd steht im Aufzug

01/26/2017

Dass sich in den Fluren des Nationaltheaters regelmäßig allerlei verwunderliche und ausgefallene Personen und Gegenstände tummeln, ist durchaus bekannt und nicht weiter erwähnenswert. Dass an einem verschneiten Januarmorgen ein Shetlandpony samt Geschirr im Aufzug der Bayerischen Staatsoper steht, kommt jedoch eher selten vor. Das Pony, um das es sich handelt, heißt Pünktchen, ist 14 Jahre alt, knapp 200 Kilo schwer und gerade auf dem Weg zur Bühne, genauer gesagt zur ersten Bühnenorchesterprobe des Balletts La Fille mal gardée. Nein, entgegen aller Erwartungen wird Pünktchen nicht tanzen. Pünktchen wird vor einen kleinen Wagen gespannt und darf die Picknickgesellschaft samt Hut und Stock zur lieblichen Musik von Ferdinand Hérold durch die französische Papplandschaft ziehen.

Pünktchen in voller Fahrt!

Zum ersten Mal steht es auf der Bühne dieses großen geschichtsträchtigen Theaters. Es ist nicht wenig Druck, der auf Pünktchen lastet: Die Wiederaufnahme eines der beliebtesten Ballettklassiker unter erstmaliger Leitung von Igor Zelensky verlangt Disziplin, Leidenschaft und Hingabe. Alles Eigenschaften, über die das selbstbewusste kleine Pferd mehr als genug verfügt. Ein wenig Theatererfahrung hat Pünktchen bereits. Dieselbe Rolle durfte es 2012 im Prinzregententheater schon einmal spielen. Das Nationaltheater ist im Gegenzug natürlich etwas größer und aufregender. Wie genau es um Pünktchens Lampenfieber zur Stunde der Wahrheit stehen wird, ist nicht genau voraussagbar. Wenn die Lichter ausgehen, alle Blicke auf die Bühne gerichtet sind und die Liebesgeschichte von Lise und Colas beginnt, wird Pünktchen achtsam am Bühnenrand stehen und auf den großen Auftritt warten.

Zur Geschichte: Auf Einladung von Thomas und seinem etwas dümmlichen Sohn Alain, den Lise auf Wunsch ihrer Mutter heiraten soll, machen sich die vier auf dem Weg zu einem Picknick auf dem Felde. Da die Straßen in der französischen Campagne selten geteert sind, dürfen sich Mutter und Tochter in den kleinen Wagen setzen, der von Pünktchen gezogen wird und kommen so mit sauberen Füßen zum Picknick. Pünktchens Rolle ist in diesem Stück somit unerlässlich.

Ein Pony im Aufzug.
Pünktchen wird eingeschirrt.
Lampenfieber auf der großen Bühne? Sieht nicht so aus.
Kleines Malheur: Gott sei Dank noch vor der Aufführung.

Die Probe verläuft reibungslos, das Pony meistert seine Aufgabe mit Bravour und wird vom Ensemble mit offenen Armen empfangen. Natürlich ist es nicht leicht, sich vollends auf seine Aufgabe zu konzentrieren, wenn unter anderem Tänzer und Bühnentechniker entzückt und neugierig immer mal wieder zum Streicheln vorbeikommen. Zur Sicherheit und Unterstützung sind Pünktchens Besitzer jedoch immer in der Nähe: bei der Probe und später dann in Kostüm und Maske auch auf der Bühne, sodass sich Pünktchen auf hoffentlich genauso wohl fühlen wird wie auf dem heimischen Hof. Im Leben eines Ponys gibt es sicherlich viele aufregende Momente. Kaum ein Pony kann jedoch von sich behaupten, unverzichtbares Ensemblemitglied einer bedeutenden Theaterproduktion zu sein, wie es Pünktchen ist.

Constanze Negwer

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