Ein Abend am Inspizientenpult

01/01/2016 La BohèmeInspizienzWiedersehen!

Hier laufen alle Fäden eines Opernabends zusammen - und es gibt Gummibärchen! Niki Rath und der Autor am Inspizientenpult.
Hier laufen alle Fäden eines Opernabends zusammen - und es gibt Gummibärchen! Niki Rath und der Autor am Inspizientenpult.

Das Inspizientenpult ist der Ort, an dem bei einer Opernaufführung alle Fäden zusammenlaufen. Unser Online-Redakteur Johannes Lachermeier hat bei einer Aufführung von La bohème dort und auf der Bühne den Abend verbracht – und nimmt damit Abschied von der Bayerischen Staatsoper.

Nach über sieben Jahren hier am Haus zum ersten Mal ein ganzer Abend auf der Seitenbühne. Sicherlich: Ich habe hier schon oft gestanden, gelauscht, zugesehen, mit Kollegen gesprochen, fotografiert. Doch einen ganzen Abend war ich noch nie hier beim Inspizientenpult gestanden. Und was mir auch noch fehlt in meiner Sammlung an wunderschönen Erlebnissen: einmal auf der Bühne zu stehen! 

Nun also, wo ich mich als Online-Redakteur von der Bayerischen Staatsoper verabschiede, darf ich beides zusammen haben: In Puccinis La bohème bin ich im zweiten Bild als Statist eingeteilt und darf ein erstes und letztes Mal als ärmlicher Pariser durch die Kulisse von Otto Schenks jahrzehntealter Inszenierung laufen. Dass es ausgerechnet diese Produktion wurde, ist für mich besonders schön: Immerhin war es diese Oper, die mich als 17-Jährigen zum ersten Mal überhaupt in die Bayerische Staatsoper führte – und mich vielleicht endgültig für diese Kunstform gewann.

Nun also, nochmals gut 17 Jahre später, erneut La bohème, aber unter ganz anderen Voraussetzungen. Im sechsten Stockwerk des Nationaltheaters, in den Garderoben der Statisten, wird mir aus dem Fundus ein Kostüm zusammengestellt: Die Hose ist etwas weit, aber das ist ja plausibel bei einem armen Schlucker wie dem, den ich zu verkörpern habe. Die wunderbaren Graderoberinnen suchen mir alles weitere zusammen: Hemd, Jacke, Stiefel aus Filz, dazu eine Schiebermütze – perfekt! Meine runde Privatbrille darf ich aufbehalten, die passt zum Kostüm. Ansonsten ist man da strenger: Nichts soll schließlich von der Bühnenillusion ablenken.

Niki Rath an ihrem Arbeitsplatz. Über die Monitore hat sie alles im Blick.
Niki Rath an ihrem Arbeitsplatz. Über die Monitore hat sie alles im Blick.

Nun also fertig kostümiert und auf zum Inspizientenpult: Dort hat Niki Rath, die Hauptinspizientin des Abends, gerade den ersten Durchruf gemacht. Um 19.45 Uhr heißt es: „Guten Abend, die Vorstellung beginnt in 20 Minuten.“ Es wird also ernst für alle Beteiligten. Doch die Mitarbeiter auf der Bühne sind eingespielt: Man begrüßt sich, plaudert, regelt letzte Arbeitsabläufe – und trifft sich immer wieder am Inspizientenpult. Allerdings nicht nur um sich abzustimmen; Niki hat eine große Box mit Gummibärchen aufgestellt, an der sich jeder bedienen darf. 

Alle Aufführungen an der Bayerischen Staatsoper beginnen „pünktlich“ mit fünf Minuten Verspätung, heute also um 20.05 Uhr. In den zwanzig Minuten vor Beginn der Vorstellung hat alles seinen genauen Ablauf: Acht Minuten vorher wird das Orchester eingerufen, drei Minuten später der Abenddirigent. Zwei Minuten vor Beginn nochmals die Rückversicherung beim Abenddienst, dass nicht größere Besuchergruppen fehlen. Eine Minute vorher wird das Licht hinter der Bühne gedimmt – und schon geht's los. Pünktlich um 20.05 Uhr öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf die ärmliche Mansarde von Rodolfo und seinen Künstlerfreunden. Durchruf: „Die Vorstellung hat begonnen.“

Wollte man eine Opernaufführung mit all ihren Gewerken, der Musik, den Sängern, der Bühnentechnik, dem Licht und allem anderen mit einem menschlichen Organismus vergleichen, welche Rolle käme wohl dem Inspizienten zu? Vielleicht ist diese Schaltstelle, von der aus alle Abläufe koordiniert werden, am ehesten mit dem Gehirn gleichzusetzen.

Danach gefragt, verneint Niki Rath ziemlich heftig: „Nein, das Gehirn sind wir hier alle!“ Trotzdem: Wer einmal einen Abend lang neben ihr gestanden hat, wer beobachten kann, wie hier alle Fäden zusammenlaufen, kann sich dieses Eindrucks nicht ganz erwehren. 

Der Inspizienten-Klavierauszug zu "La bohème": Hier sind alle Durchrufe, Signale und Auftritte minutiös verzeichnet.
Der Inspizienten-Klavierauszug zu "La bohème": Hier sind alle Durchrufe, Signale und Auftritte minutiös verzeichnet.

In ihrem Klavierauszug sind minutiös alle Abläufe des Abends festgehalten: Wer muss wann eingerufen werden und auftreten? Wann muss der Vorhang oder die Schalldecke gefahren werden? Mit welcher Geschwindigkeit? Niki hat alle Abläufe routiniert und dennoch hochkonzentriert im Blick. Nebenbei erzählt sie aus ihrer siebenjährigen Erfahrung als Inspizientin an der Staatsoper. Von Katastrophen, witzigen Begebenheiten und Fallstricken des Berufs. 

Bettina Göschl, Spielleiterin an der Staatsoper, gesellt sich hinzu. Sie hat in den vergangenen Tagen die szenischen Proben zur Wiederaufnahme betreut. Heute ist die erste Aufführung auf der Bühne des Nationaltheaters – und die Sänger stehen nach den Proben auf der viel kleineren Probebühne zum ersten Mal im Originalbühnenbild. Obwohl alle Abläufe davor im Einzelnen durchgegangen wurden, müssen vor der Aufführung noch Details geklärt werden: Sind bestimmte Bereiche des Bühnenbilds gefährlich? Ist eine Tür zu öffnen oder ist sie nur Fake? Gibt es Teile der Bühne, die wegen der Beleuchtung nicht betreten werden sollten?

Als das erste Bild endet, geht alles sehr schnell: Der Vorhang schließt sich, und während das Publikum noch die Sängerinnen und Sänger vor dem Hauptvorhang beklatscht, werden auf der Bühne die seitlichen Dächer der Mansarde eingeklappt, der Bühnenwagen, auf dem sich die Aufbauten des Zimmers befinden, auf die Seitenbühne gefahren. Und schon rollen von hinten die Kulissen des zweiten Bilds nach vorn – fertig. Rund drei Minuten hat der Umbau gedauert. Das funktioniert mit dieser Präzision und Schnelligkeit wirklich nur, wenn jeder Mitarbeiter genau weiß, wo er hinfassen muss. 

So sieht das zweite Bild von "La bohème" aus dem Zuschauerraum aus. Der Autor läuft vermutlich irgendwo in den Straßenschluchten auf und ab.
So sieht das zweite Bild von "La bohème" aus dem Zuschauerraum aus. Der Autor läuft vermutlich irgendwo in den Straßenschluchten auf und ab.

Das zweite Bild beginnt. Los geht's also mit meinem großen Auftritt! Gar nicht so schlimm wie ich mir das vorgestellt hatte: Die Bühne ist weitläufig, als etwas ärmlicher Flaneur schlendere ich ein wenig im Bühnenhintergrund des Quartier Latin umher, lasse den Blick über die Häuser schweifen, grüße hier, plaudere dort ein wenig. Nun aber mal nach vorne zur Rampe gucken! Am rechten Bühnenrand hat sich ein Maronimann postiert, an dessen Ofen sich einige Choristen und Statisten die Hände wärmen. Ich tue es ihnen gleich und lasse den Blick ein wenig in den Zuschauerraum wandern. Merkwürdig, dieser Perspektivwechsel: Da sitzen ja tatsächlich über 2.000 Menschen, die uns zuschauen! Bevor sich Nervosität breitmachen kann, lieber gleich weiter im Spiel. 

Ein Kollege aus dem Chor instruiert mich: Ich darf bei den Studenten, die Musetta in ihrer Arie umschwänzeln, mitmachen. Also nix wie nach vorne und die schöne und etwas leichtlebige Kokotte anhimmeln. Das macht Spaß: schmachtende Blicke in Musettas Richtung, Augenzwinkern und kumpelhaftes Armknuffen unter den Studenten. Als später die Militärkapelle auftaucht, darf ich auch nochmals mitmachen und gespielt militärisch nach vorne marschieren. Und da ist das zweite Bild auch schon vorbei – und damit mein erster und letzter Auftritt auf der Bühne der Staatsoper. 

Als ich nach oben laufe um mich wieder umzuziehen, macht sich erste Wehmut breit: Das ist also jetzt tatsächlich meine letzte Vorstellung als Mitarbeiter des Hauses. Über sieben Spielzeiten lang habe ich hier getextet, gebloggt, gepostet, getwittert, redigiert, überlegt, Fragen beantwortet, beim Live-Stream mitgearbeitet, fotografiert, verbessert und hoffentlich nur manchmal verschlimmbessert. Schön war das – und nun geht's weiter an die Theaterakademie August Everding ins Prinzregententheater.

Mimì und Rodolfo im dritten Bild von "La bohème" - gesehen von der Seitenbühne.
Mimì und Rodolfo im dritten Bild von "La bohème" - gesehen von der Seitenbühne.

Den zweiten Teil des Abends nach der Pause sehe ich mir wieder von der Seitenbühne an. Wie die todkranke Mimì und Rodolfo wieder zusammenfinden. Wie sich Marcello und Musetta streiten. Wie sie alle schließlich wieder in der Mansarde zusammentreffen. Und wie Mimì schließlich sterben muss.

Und dann ist der Abend zu Ende. Die Technik hat in Windeseile das Bühnenbild auf die Seitenbühne geschafft. Zurück bleibt nur noch der Kunstschnee am Bühnenboden. 

Jetzt noch zum Abschluss auf einen Drink mit einigen Kollegen. Doch zuvor lässt Niki mich nochmals ans Inspizientenpult. Ich selbst darf einen Hebel betätigen. Als der Zuschauerraum völlig leer ist, öffne ich den roten Hauptvorhang wieder, wie das jeden Abend nach der Vorstellung geschieht. 

Zuversichtlicher Blick in die Zukunft
Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Schöner lässt sich das alles eigentlich nicht beenden: Der Vorhang ist nicht geschlossen, sondern wieder offen. Denn glauben Sie nicht, dass ich in diesem Text oder in den letzten sieben Jahren auch nur einen Bruchteil dessen, wie Oper funktioniert, umfassend wiedergegeben hätte. Und das ist doch wirklich das Allerschönste: Dass es auch in Zukunft noch unzählige Geschichten aus der Bayerischen Staatsoper zu erzählen geben wird. 

Alles Gute!

Lachermeier, Johannes

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Kommentare

  • Am 02.01.2016 um 09:31 Uhr schrieb Lorenzodaponte

    Grazie...Merci...Dankeschön...!!!

    ...für 7 Jahre "hintergründiger" Berichterstattung:
    farbig und kundig,
    intim und interessant,
    atmosphärisch und atemberaubend,
    knifflig und speziell...
    von der...,
    aus der...,
    über die...
    und
    "Rund um die Oper"
    (um August Everding und Heinz Rühmann zu zitieren...).

    Und zum Finale ein wahrhaft stilvoller Bühnen-Abschied von der "alten" Rolle...!
    BRAVO!!!...

    Hochgeschätzter Herr Lachermeier, ich wünsche Ihnen (und dem Publikum) zukünftig viele erfüllende Momente in (und aus...) der "Neuen Welt" zwischen Reaktorhalle und Prinzregententheater! ...von Prinzipal, Akademietheater, Lichthof etc. etc. auch nicht zu schweigen!!!
    Es gibt viel akademisches zu berichten und zu "kommunizieren" - und manchmal sicher Gründe genug, im Achteck zu hupfen... s.u. *)
    Toi-Toi-Toi!!! und Herzliche Grüße!
    (...und die Bayerische Staatsoper ist ja einer der Kooperationspartner der Theaterakademie, und ihre Spielstätten sind, für gelegentliche nostalgische Rück-Blicke, ja auch nicht aus der Welt...)

    *) z. B. fehlt auf dieser Seite das Datum:
    http://www.theaterakademie.de/spielplan-tickets/stueckinfo/studieren-im-theater-tag-der-offenen-akademie-2016.html
    auch auf dem Spielplan der Theaterakademie wird der "Tag der offenen Akademie" am 23.1. noch immer nicht angekündigt... also: atacca!!! und "auf geht's!!!" :-) )

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