Packen wie die Profis: Die Oper geht auf Reisen

07/31/2017

Die letzten Töne des Tannhäuser sind gerade verklungen, Nikolaus Bachler, Kirill Petrenko, Thomas Gottschalk und die Sänger machen sich auf den Weg vom Nationaltheater auf den Max-Joseph-Platz. Dort treten sie vor die 13 000 Zuschauer, die Wagners Musik bei Oper für alle lauschten. Gleichzeitig fällt auf der Bühne bereits die erste Wand – denn hier werden die Kulissen und Requisiten eingelagert, um nach Japan verschifft zu werden. Wir haben zugesehen, wie Romeo Castelluccis Bilderwelten zur Tournee aufbrechen.

Blickt man vom Backstage-Bereich der Bayerischen Staatsoper in den Publikumsraum, wirkt der rot-gold-weiße Prachtbau beinahe klein. Über 2.254,48 Quadratmeter erstrecken sich eine Haupt-, eine Seiten- und zwei Hinterbühnen – im Gesamtmaß einer der größten Bühnenräume weltweit. Mehrere Opern und Ballette können hier gleichzeitig während ihrer Vorstellungsserie gelagert werden. Krzysztof Warlikowskis Die Gezeichneten steht am hinteren Ende auf mehrere Bühnenwägen verteilt, die riesige Sonne, die 100 Mäusemasken, rechts daneben lehnen die Standarten und Schilder von Yuri Grigorovichs Spartacus. Zwanzig Bühnentechniker zerlegen gerade die schwarz lackierte Holzwand, auf die im 3. Akt Castelluccis Timeline der Verwesung gestrahlt wurde. Über ihnen schwebt noch eine 2,7 Tonnen schwere Fläche aus Ethafoam, auf die zum Rhythmus der Ouvertüre die Pfeile der Nymphen prasselten.

Florian Kunz, der Leiter für Logistik und Transport, ist vor Ort, zu dieser bereits zweiten Nachtschicht des Wochenendes. Bis fünf Uhr früh wurde am Vortag 
Die Zauberflöte verladen, die die Bayerische Staatsoper ebenfalls im September in Tokio zeigt. Der 36-Jährige ist seit 2013 am Haus, wie seine Mitarbeiter und die Bühnentechniker trägt er den inoffiziellen Dresscode – schwarze Cargo-Hose und T-Shirt. „Man kann noch so gut planen – am Ende ist man doch immer erleichtert, wenn alles heil in Übersee ankommt und auch unbeschadet seinen Weg wieder zurück findet“, sagt er bescheiden. Bereits in der Spielzeit 2016/17 begannen die Vorbereitungen für den Transport der beiden Inszenierungen, die Containerschiffplätze mussten reserviert, eine Logistikfirma in Japan als Partner gefunden werden.

Hubpodien und Schiebegassen, in denen die großen Bühnenwägen automatisch verschoben werden können – die Bühnentechnik ist auf dem neuesten Stand. Ebenso wichtig für den Repertoirebetrieb (36-40 Opern und 14-18 Ballette pro Spielzeit)  ist aber auch, dass die Produktionen schnell und reibungslos an- und abtransportiert werden können. In Poing stehen zwei große Lagerhallen, zur Beförderung nutzen die Logistiker uniforme Gittercontainer, in die alle Requisiten und Kulissen passen müssen. Die vorhandene Liefertechnik kommt nun auch der Verschiffungsaktion zugute. An den Bühnenbereich schließt lückenlos eine schlauchförmige Halle an, das Lager für kleinere Kulissenteile und Dekoration, in dem sich der Boden zum Teil mit einer hydraulischen Hebebühne absenken lässt. Im Stock darunter führt ein Tor auf die Alfons-Goppels-Straße. Gerade weist Kunz‘ Assistent einen LKW ein, der rückwärts ins Nationaltheater fährt. Zentimetergenau muss er an eine Metallschleuse gelotst werden, an die später die Bodenplatte aus dem Dekorationslager andockt. Beladen ist der Transporter diesmal allerdings nicht mit einer Gitterbox, sondern bereits mit einem Seecontainer. „Wir haben sogenannte 40 Fuß High-Cubes mit einem Fassungsvermögen von 76,4 Kubikmetern bestellt“, sagt Kunz, „gerade für die großen Elemente des Tannhäuser wie die Beschusswand war das nötig“. Im Dekorationslager haben inzwischen die Arbeiter die Bodenplatte beladen. Von allem Zauber und Ekel befreit fahren die Seziertische und der schwarze Altar, vor dem Elisabeth gerade noch hingebungsvoll für die Rückkehr ihres geläuterten Geliebten betete, in die Tiefe. Auch die rosige Körperflüssigkeit der Venus reist mit – luftdicht verpackt in 8 Malerkübeln. Unten, auf einer Ebene mit dem LKW, wird alles verpackt.

„Gabelstapler, Manpower, Erfahrung und ein gutes Team“ – mehr braucht es laut Kunz nicht, um die Kulissenteile und Requisiten in die Container einzulagern. Kameradschaftlich ist der Umgang zwischen dem Logistiker und den Mitarbeitern, ein Bühnentechniker fragt, wie der Glaskubus gesichert werden soll, ein anderer nach einem Transportlabel. Kunz delegiert nicht gerne, er schiebt, befestigt oder holt kurzerhand selbst.

Transportschäden wären schlimm, gerade die Vorhangtraverse, die den Festsaal im zweiten Akt erzeugt, sei sehr sensibel, so der Cheflogistiker. Kisten wurden für den Export gebaut, auch, damit größere Teile zusammenhängend verschickt können und so Aufbauzeit in den Aufführungsstätten, NKH Hall und Bunka Haikan, gespart wird. Für die anderen Kulissen reichen Spanngurte, die mit Ösen in den Metallwänden der Container verankert werden, als Schutz vor dem Seegang. Auch der Versand der meterlangen Seidenvorhänge selbst ist nicht leicht. Drypacks, Säckchen mit feuchtigkeitsabsorbierenden Chemikalien, wie man sie auch in neuen Handtaschen findet, verhindern, dass die Stoffe schimmeln. Die sensiblen Beamer müssen dagegen nach Asien geflogen werden.

„Japan ist kein EU-Land“, gibt Kunz zu bedenken, „die Zollbedingungen sind nicht zu unterschätzen“. Für den Transport wurden mehrere temporäre Ausfuhr-Bescheinigungen ausgestellt, die erlauben, dieselben Güter zollfrei ein-, dann aber auch wieder auszuführen. Um Schmuggler abzuwehren, werden alle Container mit nummerierten Plomben verschlossen. Dennoch wird das Equipment bei beiden Grenzübertretungen kostenpflichtig von Zollbeamten kontrolliert. 

Welche der beiden Opern ist nun schwieriger zu transportieren? „Jede Inszenierung hat so ihre Reize“, meint Kunz diplomatisch und schmunzelt. Zwölf Lastwagen füllen Castelluccis Kulissen am Ende der Nacht, Die Zauberflöte benötigte sieben. Sie reisen zum Verladebahnhof in Feldkirchen, von dort aus weiter nach Hamburg und auf das Containerschiff. Mit gemütlichen 30 Knoten geht es innerhalb von acht Wochen nach Yokohama. Die Bayerische Staatsoper folgt ihnen am 6. September.

Mit dem #BSOontour könnt ihr auf Twitter, Facebook und Instagram mitreisen.

Jennifer Gaschler

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Kommentare

  • Am 03.08.2017 um 08:13 Uhr schrieb Ulrich K.

    Logistik und Transport bei der Staatsoprer

    Hinter der Kulturszene in München hätte ich einen solchen Apparat und Aufwand nicht erwartet.
    Respekt und Anerkennung für diese Arbeit

  • Am 07.09.2017 um 20:34 Uhr schrieb Hermann Tudel

    Viel Spaß in Asien

    Wir wünschen euch viel Spaß und Erfolg in Asien.....

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