Die Macht des Unbewussten – Interview mit Christine Platt

Sehr viel schwieriger, als offenen Rassismus zu erkennen, ist es, unbewussten Rassismus zu entlarven. Die US-amerikanische Rassismusforscherin Christine Platt antwortete per E-Mail differenziert auf Fragen zu Formen und Wirkungen von Rassismus und Verdis berühmter Vorlage – Shakespeares Othello.

Otello: Jonas Kaufmann (Otello), Anja Harteros (Desdemona)

MAX JOSEPH Rassismus ist nicht nur ein Phänomen des rechten politischen Randes. Auch aufgeklärte, demokratisch gesinnte Menschen haben rassistische Vorstellungen verinnerlicht – das zeigt unsere Sprache, wie wir Menschen einordnen, unsere Stereotype. Sind alle Menschen latent rassistisch?


CHRISTINE PLATT Menschen generell als latent rassistisch zu bezeichnen, ist vielleicht etwas extrem. Trotzdem hegen viele Leute unbewusst rassistische Vorurteile – Menschen, die sich selbst niemals als rassistisch sehen würden. Und sie würden sich angegriffen fühlen, wenn man sie so bezeichnete! Diese Haltungen spiegeln jedoch die unerfreulichsten Tatsachen in Bezug auf Rassismus wider und zeigen, wie tief er in unserer Psyche verwurzelt ist. Wie weit die eigenen Vorurteile jeweils reichen, ist natürlich eng verbunden mit vielen Variablen wie Kindheitserfahrungen, dem ideologischen Einfluss der Eltern, dem Kontakt zu unterschiedlichen Bevölkerungsteilen oder dem unmittelbaren sozialen Umfeld. Rassismus ist so fest in unserer Gesellschaft verankert (ob bewusst oder unbewusst), dass viele Menschen, obwohl sie rassistisches Verhalten bei anderen leicht identifizieren können und auch verurteilen, oft die in ihnen selbst angelegten Vorurteile nicht erkennen. Deswegen bin ich überzeugt, dass man bei sich selbst anfangen muss, um rassistische Vorurteile generell abbauen zu können. Prüfen Sie Ihre eigenen Überzeugungen. Lernen Sie, Ihre vorgefassten Meinungen über andere zu erkennen, auch wenn sie sehr subtil sind. Und dann müssen Sie sich fragen: Warum? Warum glauben Sie an die Realität dieser Vorurteile, selbst wenn es Gegenbeweise gibt? Das wäre ein nachhaltiger Versuch, die eigenen Überzeugungen zu verändern und der Verfestigung rassistischer Vorurteile insgesamt entgegenzuwirken.

Lassen sich verschiedene Formen von Rassismus unterscheiden? 

CP In meinen Lehrveranstaltungen zu dem Thema fange ich immer damit an, die zwei häufigsten Formen von Rassismus zu bestimmen: individuelle Handlungen und institutionelle Praktiken. Und ich nehme das Strafrechtssystem als Beispiel, um den Einfluss der beiden Formen auf den unbewussten Rassismus zu erklären: " Wenn Polizisten, Strafverfolger, Anwälte, Richter und Mitglieder der Jury, also der Geschworenen am Gericht, rassistische Vorurteile über Minderheiten hegen, dann wird deren individueller Rassismus einen Einfluss auf die Schwere der Strafe und die Haftbedingung haben. " Strafgesetze, Kategorisierungen und diskriminierende Praktiken, die sich auf ethnische Minderheiten stärker auswirken als auf die Mehrheit der Bevölkerung, sind Formen des institutionellen  Rassismus. Dazu muss man festhalten: Lang anhaltender und massiv auftretender individueller Rassismus wird natürlich zum institutionellen Rassismus. Meiner Meinung nach ist das Strafrechtssystem das prägnanteste Beispiel dafür. Leider ist institutioneller Rassismus systemisch. Das heißt, er beinhaltet eine bestimmte, im System verankerte Praxis der Diskriminierung. 

Was wären noch weitere Beispiele, und wie wirken sich die Praktiken aus?

CP
Im Bildungssystem wäre die wieder zunehmende Trennung nach Hautfarben – nach dem Ende der rechtlich sanktionierten Rassentrennung – an staatlichen Schulen in den Vereinigten Staaten zu nennen. In der Arbeitswelt zeigt sich institutioneller Rassismus, wenn Arbeitgeber Bewerber mit fremd klingenden Namen gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch einladen. Dass solche Praktiken gegen Gesetze oder den Gleichheitsgrundsatz verstoßen, verhindert nicht ihre Anwendung. Die Daten, die sich aus der individuellen und institutionellen Praxis ergeben, beeinflussen unseren unbewussten Rassismus. Ein Beispiel dafür ist, wenn man sich in Anwesenheit afroamerikanischer Männer bedroht fühlt aufgrund der Überzeugung, dass diese von Natur aus gefährlich sind und mehr dazu neigen, Verbrechen zu begehen, eben weil sie öfter zu Gefängnisstrafen verurteilt werden als Nicht-Minderheiten. Diese Muster wurden in vielen Umfeldern untersucht und die Ergebnisse sind übereinstimmend: Selbst ausgebildete Fachleute können unbewusste Vorurteile hegen und das beeinflusst ihr berufliches Handeln, meist zum Nachteil der Minderheiten.

Das heißt, mein vermeintliches Wissen über die statistisch häufigere Straffälligkeit von Schwarzen ist eigentlich das Ergebnis von institutionellem Rassismus? 

CP
Die Überzeugung und der statistische Beleg dafür, dass afroamerikanische Männer mehr Verbrechen begehen, ist das Ergebnis sowohl von individuellem als auch institutionellem Rassismus. In den USA sind 13 Prozent der Bevölkerung Schwarze, trotzdem werden sie sechsmal so häufig inhaftiert wie Weiße. Selbst vor der Abschaffung der Sklaverei gab es keine solche Unverhältnismäßigkeit. Ava DuVernays Film 13th analysiert ganz genau, wie Rassismus im Strafrechtssystem zu Masseninhaftierungen führt – einer modernen Form von institutioneller Sklaverei!

„Wenn in der Rezeption von Othello Momente von latentem Rassismus bei einem Weißen Publikum vorkommen können, so gilt das Gleiche für das afroamerikanische oder afrikanische Publikum sowie für jedes andere Publikum.“  

Wie sieht „positiver Rassismus“ aus?

CP Mich schrecken Begriffe wie „positiver Rassismus“ oder „gut gemeinte Vorurteile“ (benevolent prejudice) eher ab (wobei Letzterer eher eine in Großbritannien als in Amerika verbreitete Geisteshaltung bezeichnet). Ich verstehe zwar die Absicht dahinter, aber diese Einstellungen tragen doch dazu bei, gefährliche Zuschreibungen basierend auf jemandes Hautfarbe oder anderen äußeren Kennzeichen insgesamt zu verfestigen. Es wurde wissenschaftlich bewiesen, dass „Rasse“ ein soziales Konstrukt und somit keine biologische oder wissenschaftliche Kategorie ist. Es gibt keinen einzigen absoluten genetischen Unterschied zwischen den Menschen, keine einzige Variante, die Personen mit hellerer Haut besitzen, die Personen mit dunklerer Haut nicht ebenso aufweisen. Deswegen kann auch der sogenannte „positive Rassismus“ zu gefährlichen Annahmen über genetische Unterschiede führen. Das hat gesellschaftliche Auswirkungen und befeuert rassistische Vorurteile.

Können Sie hier Beispiele nennen? 

CP In den USA existiert der Begriff „positiver Rassismus“ ja gar nicht. Dieses Konzept entstand aus bestimmten Unterstellungen eine bestimmte Rasse betreffend, die ja, wie gesagt, nur ein soziales Konstrukt ist! Zum Beispiel die Vorstellung, dass Schwarze Männer besonders athletisch seien. Dieses vorgebliche Kompliment wurzelt ja in Wirklichkeit in der rassistischen Ansicht, dass Schwarze Menschen mehr Tieren gleichen als Menschen – eine rassistische Unterstellung, die zu gefährlichen Auswirkungen führen kann.

Wie wird Shakespeares Othello in der afroamerikanischen und – soweit überhaupt verallgemeinerbar – in der afrikanischen Literaturszene rezipiert? 

CP Von dieser Leserschaft kann man natürlich nicht verallgemeinernd sprechen. Jemandes Reaktion auf Othello ist je nach Herkunftsland, Alter und persönlichen Erfahrungen ganz verschieden. Auch innerhalb der USA kann die Rezeption unterschiedlich ausfallen. Meine Interpretation ist keinesfalls repräsentativ – so eine immense Verantwortung würde ich auch gar nicht übernehmen wollen! Und auch meine Haltung zu Othello hat sich während meiner Bildungslaufbahn immer wieder verändert. Als Teenager fand ich es faszinierend und inspirierend, einen dunkelhäutigen Mann als Hauptfigur im Stück eines der größten Tragödienautoren aller Zeiten zu sehen. Als Erwachsene wurden meine Kritik und meine Wahrnehmung dann schärfer. Zunächst in Bezug auf Desdemona, vor allem, weil sie den Inbegriff Weißer Weiblichkeit zu repräsentieren schien. Dann Othello gegenüber, denn sein Verhalten und seine Eigenschaften schienen den Mythos einer Schwarzen Hypermaskulinität, einer Neigung zu Gewalt und des sexuellen Hungers nach europäischen Frauen aufrechtzuerhalten. Dennoch ist Othello für mich eine der ersten interkulturellen Liebesgeschichten, die die vielen Komplexitäten solcher Beziehungen auslotet. 

Fühlt Othello selbst sich diskriminiert aufgrund seiner Hautfarbe? Er strengt sich an, erfolgreiches Mitglied einer Weißen Gesellschaft zu sein. Iago als Teil dieser Gesellschaft schürt Othellos Wut und Eifersucht. Könnte man also die Angst Othellos, als schwach dazustehen vor einer Gesellschaft, zu der er gehören möchte, als Mordmotiv sehen? 

CP Zweifellos fühlt sich Othello als Schwarzer diskriminiert. Shakespeare bezieht sich in der gesamten Tragödie immer wieder ausdrücklich auf Othellos Hautfarbe. Ganz früh im Text sagt der Herzog von Venedig: 

Und würdiger Herr, 
wenn man die Tugend muss als schön erkennen, 
Dürft Ihr nicht hässlich Euren Eidam nennen. 


Diese Strophe bekräftigt, dass Othello von der Weißen Mehrheitsgesellschaft akzeptiert wird. Aber sie legt auch nahe, dass Othello eine Ausnahme zur Regel darstellt – dass er schön ist, trotz seiner Hautfarbe. Dennoch glaube ich, dass Othello Desdemona aus Eifersucht tötet – er glaubt, dass sie ihn betrogen hat –, und nicht aus Angst, schwach zu erscheinen. Und wenn er dadurch lächerlich gemacht worden wäre, dann nicht mehr als jeder andere Mann, der seine engelsgleiche Braut in einer schmutzigen Affäre mit einem seiner Mitkämpfer vermutet. Othello liebt Desdemona von ganzem Herzen und Iago nutzt das aus, deswegen kann er ihn so leicht aufhetzen.

Haben Sie Mitleid mit Othello? 

CP Ab dem Moment, als Brabantio erfährt, dass seine geliebte Tochter Desdemona sich in Othello verliebt hat, habe ich Mitleid mit ihm. Shakespeare beschreibt Othellos Enttäuschung über Brabantios Reaktion darauf so lebendig: 

Ihr Vater liebte mich, lud oft mich ein, 
Erforschte meines Lebens Lauf von Jahr
Zu Jahr: die Schlachten, Stürme, Schicksalswechsel, 
So ich bestand. 


Othello ist am Boden zerstört wegen Brabantios Reaktion, denn sie standen sich früher sehr nah. Brabantio hat eine hohe Meinung von Othello, aber die ist nicht hoch genug, um ihn als Mann für seine Tochter zu akzeptieren. In dieser Szene der Tragödie wird Othello auf „seinen Platz verwiesen“, eine Erfahrung, die viele Minderheiten kennen, mit der sie sich also leicht identifizieren können. Othello, der Geschichtenerzähler und tapfere Kriegsheld, der Venedig verteidigt: Dieser Othello ist ein wunderbarer Mann. Aber Othello, der Mohr, der sich in die reine und unschuldige Desdemona verliebt: Der ist ein teuflischer, böser und abstoßender Mann! 

Warum können Desdemona und Othello nicht mit einander kommunizieren? Kann man das als Anspielung auf kulturelle Stereotype verstehen? 

CP Nein, im Gegenteil. Ich finde, dass Shakespeare großartig beschrieben hat, wie schwer sich Männer und Frauen tun, miteinander zu kommunizieren. Wenn ich das kulturell interpretieren würde – und das ist ein weites Feld -, dann würde ich mich auf Othellos Unfähigkeit konzentrieren, seine Gefühle gegenüber Desdemona zu zeigen. Sie ist eine rührende, sanfte und aufrichtige Frau – der Inbegriff Weißer Weiblichkeit. Othello ist stolz darauf, dass Desdemona ihn allen anderen Verehrern vorgezogen hat, sogar ihrem Vater. Und aufgrund von Desdemonas reiner Natur kann sich Othello auch keinen Treuebruch vorstellen. Deswegen weiß er nicht, wie er seine Gefühle und Emotionen zeigen soll. Und Desdemona, naiv und unschuldig, kann nicht mit Othello kommunizieren, weil sie nicht den Grund für seinen Sinneswandel kennt.

Was halten Sie von dem Ansatz, die Beziehung zwischen Othello und Desdemona als paradigmatisch für die Beziehung zwischen einer Weißen Frau und einem Schwarzen Mann zu sehen? Sie hält bis zuletzt an ihm fest, obwohl er sie schlecht behandelt. Will sie der Weißen Gesellschaft um jeden Preis beweisen, dass diese Beziehung möglich ist? Ist das Desdemonas politisches Projekt? Ist das vergleichbar mit solchen Beziehungen heute?

CP Noch vor einigen Jahrzehnten waren interkulturelle Beziehungen viel problematischer und in der Gesellschaft nicht akzeptiert. In Amerika schaffte der Supreme Court erst 1967 Gesetze gegen die interkulturelle Ehe ab. Diese Sicht scheint jedoch rassistische Stereote zu unterstreichen, die Voreingenommenheit, die gegenüber solchen Beziehungen immer noch bestehen. Desdemona, „die bis zuletzt an ihm festhält“, erscheint symbolisch für das Stereotyp der ewig treuen und loyalen Weißen Frau. Othello, der sie „schlecht behandelt“, steht symbolisch für die Neigung des Schwarzen Mannes zu Gewalt. Auch Desdemonas Hingabe und Sehnsucht, ihre Ehe zu retten, mit einem „politischen Projekt“ zu vergleichen und auf diese Weise zu verkleinern, ist eine Stereotypisierung. Würde ich behaupten, dass diese Haltungen und diese Bewusstseinslage in heutigen interkulturellen Beziehungen noch existierten, würde ich rassistische Stereotype aufrechterhalten. Aber ich bin sehr dankbar für diese Frage, denn sie zeigt, wie solche negativen Haltungen im Rassismus wurzeln.  

Gibt es etwas, das Sie an Shakespeares Vorlage ärgert, das Sie problematisch finden? Oder ist eher das Gegenteil der Fall: Gibt es Konflikte, die angemessen und zeitlos dargestellt sind? 

CP Von einem politischen Standpunkt aus richtet sich Shakespeares Werk an die Sorgen und Anliegen seiner Zeit. Aber wenn wir die nachhaltige Wirkung betrachten, so ist Othello, wie die meisten historischen Texte, ein Beispiel dafür, wie etwas anscheinend so Unschuldiges wie eine klassische Tragödie heutige rassistische Ansichten und Vorstellungen verstärken kann. Beachten wir, dass Othello Pflichtlektüre in vielen Bildungsinstitutionen ist. Bedenken wir außerdem, dass viele Schüler und Studenten hier innerhalb eines klassischen Textes zum ersten Mal einem Protagonisten einer fremden Kultur sowie einer interkulturellen Beziehung begegnen. Bedenken wir weiter all die rassistischen Stereotype, die Othello durchziehen, und wie Schüler und Studenten diese Unwahrheiten verinnerlichen könnten, was wiederum zu individuellem Rassismus führt und Einfluss hat auf ihren unbewussten Rassismus.

Gibt es Begebenheiten in Othello, die eine Weiße Leserschaft schon immer anders aufgenommen hat als eine afroamerikanische oder afrikanische? 

CP Ich glaube schon – wie könnte es anders sein? Aber ich denke, genauso nehmen Männer und Frauen Ereignisse oder Szenen unterschiedlich wahr. 

Wird dadurch auch latenter Rassismus beim Weißen Publikum deutlich?

CP
Wenn isolierte Momente von latentem Rassismus bei einem Weißen Publikum vorkommen können, so gilt das Gleiche für das afroamerikanische oder afrikanische Publikum sowie für jedes andere Publikum. Noch einmal: Die meisten Menschen hegen rassistische Vorurteile, die bewusst oder unbewusst Auswirkungen auf ihre Erfahrungen haben.

Ab dem Moment , als Brabantino erfährt, dass seine geliebte Tochter Desdemona sich in Othello verliebt hat, habe ich Mitleid mit Othello. Brabantino hat eine hohe Meinung von Othello, aber die ist nicht hoch genug, um ihn als Mann für seine Tochter zu akzeptieren.

Otello: Gerald Finley (Jago), Jonas Kaufmann (Otello)

„Das Schwierigste ist, dass man nie weiß, ob es Rassismus ist oder jemand dich einfach nicht mag.“ Warum ist Rassismus oft so schwer erkennbar?

CP Das ist ja genau die Intention rassistischen Verhaltens: subtil zu sein, schwer zu erkennen, sodass man es als Missverständnis hinstellen kann. Deswegen muss man in jedem Fall berücksichtigen, wie das diskriminierende Verhalten vom Opfer wahrgenommen wird, was wiederum in großem Maß von der ethnischen Zugehörigkeit und dem Status des Aggressors abhängt. Hat dieser seine Meinung in Bezug auf das Opfer und/oder Menschen mit dem gleichen Hintergrund schon vorher kundgetan? Ist er in einer Machtposition, die ihm Einfluss auf die berufliche Stellung des Opfers ermöglicht? Ob subtil oder offensichtlich – es gibt ein allgemeines Ziel rassistischen Verhaltens: Es soll dem Opfer schaden. Arbeitgeber sollten ein System einführen, das sowohl die Gefühle des Opfers wie auch die des Aggressors anspricht, und dann mit festgelegten Vorgehensweisen reagieren, falls das diskriminierende Verhalten weiter besteht.

Was ist das wirkungsvollste Mittel gegen Rassismus?

CP Das National Network to End Domestic Violence (NNEDV) hat eine Liste mit acht Punkten herausgegeben, um auch rassistische Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Ich finde das ist eine unglaublich nützliche Handlungsanleitung:

  • Lerne, deine eigenen Privilegien zu erkennen und zu verstehen 
  • Überprüfe deine eigenen Vorurteile und überlege, woher sie kommen könnten 
  • Respektiere die Erfahrungen und Gefühle Nicht-Weißer 
  • Wehre dich gegen eine „farbenblinde“ Ideologie 
  • Benenne rassistische „Witze“ oder Bemerkungen als solche 
  • Sei gewissenhaft in finanziellen Angelegenheiten
  • Beziehe Stellung auch mit deinem Geldbeutel! 
  • Sei wachsam gegenüber intersektionaler Diskriminierung in deinen unterschiedlichen Lebensbereichen: Menschen werden oft aufgrund verschiedener Persönlichkeitsmerkmale Opfer von Diskriminierung (z. B. Rassismus + Sexismus)

Weitere Informationen dazu finden Sie hier:
https://nnedv.org/latest_update/8-everyday-ways-to-fight-racism/

Sind Sie angesichts der politischen Lage – die Spaltung Amerikas unter Trump, die Neuordnung der bisherigen politischen Allianzen, der Vormarsch von Autokraten in wichtigen Demokratien – eher optimistisch oder pessimistisch in Bezug auf den Rückgang von Rassismus?

CP Ich bin sehr optimistisch, vielleicht weil ich als Historikerin den Kampf für Gleichstellung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachte. Ich weiß, dass Veränderung nicht so plötzlich kommt, wie wir das gerne hätten. Es sind eher die schrittweisen Veränderungen, die die größten Auswirkungen haben. Ich sehe, wie die Gesellschaft vor 100 oder vor 50 Jahren mit Rassismus umgegangen ist. Der Rückgang von Rassismus war immer langsam, aber kontinuierlich. Und ich bin optimistisch, dass die Arbeit daran weitergehen wird, bis es geschafft ist. Deswegen ist es auch der Auftrag des Antiracist Research and Policy Center, um der Veränderung willen Erkenntnisse und Einsichten zu dokumentieren. Unsere Forschungen zu ethnischer Ungleichheit und Diskriminierung führen zur Umsetzung politischer Reformen. Wir wollen an einer Welt der gleichen Chancen für alle bauen. Beharrliche, unnachgiebige Menschen bilden das Fundament dafür – Menschen, die daran glauben, dass eine antirassistische Welt möglich ist.

Die Fragen stellten Maria März und Sabine Voß.
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Voß

Mehr über Kerry James Marshall in der aktuellen Ausgabe des MAX-JOSEPH 2018/19 "SKANDAL!" auf S. 8

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