Der Geist der Vergangenheit

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 3. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu Ray Barras Raymonda am 19. Januar 2019.

Der Geist der Vergangenheit – Das Bayerische Staatsballett tanzt Ray Barras Adaption von Petipas „Raymonda“

Von Natalie Stadler

Es war eines der späten Handlungsballette des französisch-russischen Tanzgroßmeisters und Choreografen Marius Petipa, das im Januar 1898 im Sankt Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführt wurde. Noch in hohem Alter arbeitete der damals 80-jährige Petipa mit dem jungen russischen Komponisten Alexander Glasunow zusammen und erschuf eine Geschichte, die in ihrer Erzählstruktur märchenhafter nicht sein könnte: Die Protagonistin Raymonda feiert im ungarischen Schloss ihrer Tante. Ihr Verlobter, der Kreuzritter Jean de Brienne, ist auf dem Fest anwesend, als der arabische Sarazenenfürst Abderakhman erscheint und um Raymonda wirbt. Daraufhin zweifelt sie an ihrer seit Kindertagen versprochenen Verlobung, weshalb Brienne seinen Wiedersacher mit dem Schwert tötet und anschließend wie geplant Hochzeit mit der Titelheldin feiert.

In der Choreographie nimmt die immer wieder erscheinende Weiße Frau eine tragende Rolle ein. Sie ist der personifizierte Geist der im Bühnenbild aufgenommenen Statue. Sie leitet die Handlung und führt die Figuren in ihrem Tun. Das Gespenst der Weißen Frau ist ein Motiv, das sich in vielen Erzählungen seit dem 15. Jahrhundert findet. Diese handeln meist von Adelsfamilien und ihren Schlössern, in denen der Geist sein Unwesen treibt. In diese Tradition reiht sich auch das Ballett Raymonda, in dem die Weiße Frau zur zentralen handlungstragenden Figur wird. Raymonda ist sich der Anwesenheit des Geistes stets bewusst und bringt ihr immer wieder ihre Bewunderung und Dankbarkeit dar.

Das Lichtkonzept des Stückes suggeriert den Zuschauern einen zeitlichen Rahmen, in dem die Handlung spielt. Ist es beispielsweise Nacht und Raymonda verhandelt ihren ungelösten Konflikt mit den beiden Männern im Traum, so ist der Bühnenraum in dunkelblaues Licht getaucht. Wird es morgen, dann verwandelt sich das Licht zum morgendlichen Rot. Die Farbgebung der Kostüme und des Bühnenbildes wird in dieser Adaption des Petipa‘schen Klassikers von Ray Barra zum eigenen handlungstragenden Element. Wenn Raymonda beispielsweise mit ihrem Verlobten ein Pas de deux tanzt, sind die Kostüme des Corps de ballet in Dunkelblau gehalten. Diese Farbe steht in direktem Bezug zu den Gewändern der Gefolgschaft des arabischen Sarazenenfürsten. Raymonda ist in Gedanken bei Abderakhman, während sie mit Jean de Brienne den intimsten Moment des choreografierten Duetts teilt.

Insgesamt verläuft die Choreografie für das Corps de ballet zumeist in Linien und Reihen, die in ihren Formationen zwar eher statisch sind, sich aber dennoch gegenseitig durchdringen, oder in der Gruppe fortbewegen. Die Schritte sind synchron oder werden zeitversetzt ausgeführt. Besonders die Arm- und Handarbeit sticht neben der technisch bemerkenswerten Beinarbeit hervor. Gerade die Choreografie der Gefolgschaft des Sarazenenfürst wird mit ihren geballten Fäusten oder weit gespreizten Handflächen davon bestimmt. Immer wieder versammeln sich die Hauptfiguren nacheinander in der Bühnenmitte und zeigen die Virtuosität ihres Tanzes. Auch das Kinderballett, das während der Hochzeit des dritten Aktes zum Einsatz kommt, ist technisch auf höchstem Niveau. Während dieser Szenen befinden sich die übrigen Ensemblemitglieder sowie die Statisterie stets am linken und rechten Bühnenrand und betrachten als Staffage das Bühnengeschehen.

In der Musik von Glasunow lassen sich volksliedhafte ungarische Themen sowie orientalische und exotische Harmonien erkennen. Während des Auftritts  Abderakhmans kommt dies deutlich zum Ausdruck. An anderer Stelle erklingen musikalische Tendenzen des Wienerwalzers beziehungsweise einzelner Walzerthemen im Allgemeinen. Es ist eine musikalische College, die der Komponist 1898 erschuf und bis heute nicht an Ausdrucksstärke verloren hat.   

Zusammenfassend ist es weniger ein stringenter, vielschichtiger Handlungsstrang, der in diesem Ballettabend im Vordergrund steht, denn die Geschichte ist schnell erzählt. Vielmehr geht es um die Darstellung der Virtuosität des Tanzes und der Tänzerinnen und Tänzer selbst.   

 

Natalie Stadler spezialisierte sich nach ihrem Bachelorstudium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis in den Fächern Musik und Theater auf die Musik- und Tanzwissenschaft. An der Universität Salzburg schreibt sie derzeit an ihrer Dissertation zum Thema "Musik und Tanz in den Salzburger Inszenierungen des Schauspiels Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes". Neben ihrer wissenschaftlichen Forschung arbeitet sie als Regieassistentin und Inspizientin bei Musiktheater- und Schauspielproduktionen an deutschen und österreichischen Theaterhäusern sowie bei den Salzburger Festspielen.

Kommentare

New Comment