#BSBbackstage bei Die Kameliendame

Vor ein paar Wochen haben wir Florian Ulrich Sollfrank bei der Vorstellung von Die Kameliendame am 3. März 2020 backstage begleitet. Wir haben uns mit ihm über die Vorbereitung auf einen Vorstellungsabend, seinen Alltag und Die Kameliendame unterhalten.

Florian Ulrich Sollfrank © Marie Schürmann

Florian Ulrich Sollfrank erhielt seine Ausbildung an der Heinz-Bosl-Stiftung / Hochschule für Musik und Theater in München. Während seiner dortigen Studienzeit wurde ihm ein Stipendium von Konstanze Vernon gewährt. Erste Erfahrungen in einer Company sammelte er von 2012 bis 2014 als Volontär beim Bayerischen Staatsballett. Anschließend tanzte er beim Finnish National Ballet in Helsinki bevor er im April 2018 wieder nach München zurückkehrte.

Die Kameliendame steht auf dem Spielplan, wie setzt du Dich mit dem Stück auseinander?

Ich mag es, mich mit dem Hintergrund des Balletts zu beschäftigen. Die Kameliendame kenne ich jetzt schon ganz gut, da ich bereits zwei verschiedene Produktionen getanzt habe. Und La Traviata basiert ja auch auf demselben Buch. Das Thema dieser heiß umkämpften Dame in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist einem demnach bekannt. Aber das ist bei den meisten großen Handlungsballetten mittlerweile so. Es kommt häufig vor, dass man sich mit dem Thema schon einmal befasst hat, weshalb man die Geschichte kennt. Trotzdem muss der Choreograph sich auf gewisse Aspekte des Materials fokussieren und diese neu verarbeiten. Man kann ja nicht das ganze Stück auf die Bühne stellen und Die Kameliendame ist von der Geschichte her relativ komplex. Aber ich finde, dass John Neumeier sich dieser Materie unglaublich gut angenommen und umgesetzt hat.

Du hast das Ballett also schon in zwei verschiedenen Produktionen getanzt? Welche sind das?

In Finnland stand ich in der Version von Val Caniparoli in der Rolle von St. Gaudins auf der Bühne. Bei der letzten Aufnahmeserie von John Neumeiers Version im Jahr 2014/2015 war ich Trainee hier in München und habe das Ballett zwar gelernt, aber nicht getanzt. Jetzt, vier Jahre später, habe ich die Chance, an der Produktion voll beteiligt zu sein. 

Stellt das „Umsatteln“ zwischen verschiedenen Versionen, wie der Choreographie von Val Caniparoli und der von John Neumeier eine Schwierigkeit dar?

Beim Aufwärmen im Studio © Marie Schürmann

Nein, eigentlich nicht. Die Versionen haben zwar ein paar Unterschiede, sind sich in vielen Punkten aber auch recht ähnlich. Ich habe z.B. auch schon drei verschiedene Schwanensee-Versionen getanzt und das hat auch kein Problem dargestellt. Natürlich schätze ich dabei unterschiedliche Aspekte der verschiedenen Versionen – jede hat ihre ganz eigenen Stärken. In Finnland habe ich natürlich eine deutlich tragendere Rolle getanzt und somit bei den Vorstellungen sehr viel Spaß gehabt, weil es eine anspruchsvolle Rolle war. Aber mir macht es genauso viel Spaß, in John Neumeiers Die Kameliendame den Blauen und den Goldenen Ball zu tanzen. Da hat man einfach das Gefühl, dass man Teil eines größeren Ganzen ist, zu dem jeder seinen Beitrag leistet.

Wie prägst du dir die Schritte ein, wenn du eine neue Version oder eine komplett neue Choreographie lernst?

Also ich glaube, dass der Mensch generell Bewegungsabläufe durch Wiederholungen lernt. Man muss es einfach immer wieder tun, man muss es verstanden haben und versuchen, zu automatisieren. Wie alles andere im Leben lernt man es nicht beim ersten Mal Hinschauen, sondern muss es einige Male wiederholen. Aber ich finde es ganz schön, dass man heute mehrere Methoden hat. Man muss nicht mehr nur im Ballettsaal stehen, sondern kann sich beispielsweise auch ein Video anschauen. Da ich ein sehr auditiver Mensch bin, hilft es mir auch unglaublich, die Musik des Balletts anzuhören. Tanz alleine existiert ja nicht ohne Rhythmus. Und es hilft mir sehr, die Schritte auf die Musik anzupassen, da ich mich so besser an die Schrittfolge erinnern kann. Die Musik ist wie ein Leitfaden, der sich durch die Choreographie zieht.

Inwiefern helfen dir Maske und Kostüm bei der Interpretation deiner Rolle?

Florian in der Maske © Marie Schürmann

Da das Kostüm und die Maske natürlich ein großer Teil von Vorstellungen sind, helfen sie mir auch sehr, mich in einen Charakter hineinzufinden. Wenn ich den Frack anziehe und den Bart angeklebt bekomme, dann gibt das schon einmal das Grundgefühl: ok, ich gehe jetzt auf einen Ball Mitte des 19. Jahrhunderts. Das hilft auf jeden Fall! Und es ist natürlich auch eine Kunst für sich. Es gibt jemanden, der hat für dieses Stück zugeschnitten die Maske entworfen. Man hält sich dann an diese Vorgaben – bei Die Kameliendame sind das die Schnurrbärte und Kotletten – aber die werden dann auf die Tänzer angepasst. Z.B. muss ein Bart gefunden werden, der von der Farbe her passt. Wenn eine Produktion neu gemacht wird, dann gibt es so eine Art „Probeschminken“. Sprich Anproben für die Bärte und so weiter. Aber wenn man schon eine längere Zeit Teil der Compagnie ist, kennen einen die Maskenbildner natürlich schon ganz gut. Die wissen dann: Diese Perücke könnte gut zu ihm passen. Das ist eine gute Schnurrbartfarbe für ihn, das ist eine gute Passform für ihn. Danach wird es natürlich auf dich zugeschnitten und personalisiert. Also ich habe z.B. immer denselben Bart.

An diesem einen Bart steht immer „Sollfrank“ dran?

Genau. Der ist individuell auf mich angepasst. Das ist genauso wie beim Kostüm. Es ist ja nicht so, dass ich einfach einen Medium-Frack trage, sondern dein Kostüm wird persönlich auf dich angepasst. Bei einer Ballettproduktion steckt unglaublich viel dahinter und bloß, weil wir Tänzer direkt auf der Bühne stehen und den Applaus bekommen, wird schnell vergessen, wer noch alles an dieser Vorstellung beteiligt war. Jeder hat seinen Anteil an dem Erlebnis für den Zuschauer: die Kostümabteilung, die Technik, die Leute im Büro, die unsere Vorstellung bewerben, um hier nur ein paar zu nennen- Ich finde, das sollte man auch mal ab und zu erwähnen und dankbar dafür sein, dass man als Tänzer an so etwas teilhaben darf. 

Wie bereitest du dich an einem Vorstellungsabend vor? Läuft das immer gleich ab?

Mit seiner neuen Partnerin Mia Rudić © Marie Schürmann

Also an diesem Abend war besonders, dass ich einen Partnerwechsel hatte. Mit meiner Partnerin Mia Rudić hatte ich den anspruchsvollen Blauen Ball vorher noch nie getanzt. Deshalb sind wir zur Vorbereitung diese Tanznummer ganz spezifisch durchgegangen, um eine gute Koordination zueinander zu finden. Zwar hat Pas de deux viel mit Technik zu tun, trotzdem muss man sich auch auf seinen Partner einstellen. Und wenn man wechselnde Partner hat, dann braucht das natürlich seine Zeit. Dann ist es generell so, dass der Körper warm sein muss, da man ihn schließlich auf den physischen Aspekt vorbereiten muss. Dafür dehne ich mich und mache ein kurzes exercise an der Ballettstange.

Der dritte Aspekt des Vorbereitens wäre dann wahrscheinlich die mentale Vorbereitung. Also zum einen auf die Bühne und zum anderen auf die Rolle, die ich einnehmen werde. Was mache ich, wer bin ich, wie verhalte ich mich in diesem Stück? Für mich ist das häufig der interessanteste Aspekt. Zum einen fühlst du dich in die Rolle ein, darfst aber trotzdem auch du selbst sein. Ich überlege mir, wie ich das machen würde und versuche vom schauspielerischen Ansatz her, nicht nur eine Rolle darzustellen, sondern mich auch selbst in die Rolle hineinzufinden.

Vorbereiten mit dem Partner, physisches Aufwärmen und mentales Einstimmen: das sind also die drei Dinge, die ich vor der Vorstellung mache. Aber da findet jeder seinen eigenen Zugang. Manche reden vor der Vorstellung gerne miteinander und kreieren ein soziales Miteinander. Andere sind ruhiger und finden dadurch Konzentration. Ich glaube so eine gewisse Nervosität oder Aufregung ist immer dabei, denn jede Vorstellung sollte nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Tänzer berühren.

Also geht eine gewisse Aufregung nie ganz weg, selbst wenn man schon länger auf der Bühne steht?

Ich glaube, wenn die Aufregung nicht mehr da wäre, würde ich anfangen, mir Sorgen zu machen.

Ist das auch der Grund und Teil deiner Motivation, weshalb du morgens aufstehst, jeden Tag tanzt und diesen doch recht stressigen Beruf machst? 

Mit Sicherheit. Kunst ist für mich emotionale Kommunikation: Man nimmt eine Rolle an, ist Teil einer Geschichte und das bewegt den Zuschauer auf die eine oder andere Art. Diese nonverbale Kommunikation ist das, was mich an dieser Kunstform interessiert. Und diese Faszination ist es auch, die mich am Morgen aus dem Bett holt, warum ich mich zwei Stunden in den Ballettsaal stelle, um zu trainieren und danach jeden Tag bis zu acht Stunden probe. Man muss einfach eine Faszination für das Thema haben und ich glaube, wenn dich das nicht bewegt, wenn dein Herz da nicht dranhängt, dann zieht das keiner durch. 

Backstage bei DIE KAMELIENDAME © Marie Schürmann

Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Ich habe gerne ein wenig Zeit am Morgen. Ich trinke erst meinen Kaffee, dann frühstücke ich ein bisschen. Jeden Mittwoch habe ich eine Stunde Pilates vor dem Training, dann gehe ich in die Arbeit und wärme mich auf. Nach den exercises am Morgen gibt es Proben. An einem Vorstellungstag wird bis um 13:00 Uhr geprobt. Dann gehe ich nach Hause, koche Mittagessen, entspanne mich und gehe vielleicht nochmal die Schritte durch. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn fahre ich zum Nationaltheater, um mich auf die Vorstellung vorzubereiten. Danach schminke ich mich ab, dusche und setzte mich manchmal mit Kollegen zusammen. Dann gehe ich nach Hause, schlafe, wache auf und es fängt wieder von vorne an (lacht).

Und in deiner Freizeit?

Zurzeit mache ich meinen Master Kultur- und Medienmanagement im Fernstudium an der Musikhochschule in Hamburg. Und mit meiner Tätigkeit als Ballettvorstand habe ich auch relativ viel zu tun. Trotzdem halte ich mir den Sonntag gerne frei, um mich mit Freunden zu treffen oder ich fahre zum Wandern oder Snowboarden – je nach Jahreszeit – in die Berge. Ich meiner Freizeit reise ich gerne, deshalb fällt mir diese soziale Isolation momentan schon schwer. Zu Hause in seinen eigenen vier Wänden bleiben zu müssen, ist eine Herausforderung. Aber ich versuche, meine Zeit sinnvoll zu nutzen und z.B. in mein Studium zu investieren.

Neben diesem Interview ist eine Instagramstory entstanden, die auf dem Instagram-Account des Bayerischen Staatsballetts (@bay_staatsballett) zu finden ist.

Das Interview führte Marie Schürmann im Rahmen ihres Praktikums im Bereich Presse/Marketing beim Bayerischen Staatsballett.

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