Neues in der Zauberflöte

Passionierte Opernbesucherinnen und -besucher kennen jede Szene jener Lieblingsinszenierungen, die sie seit Jahren oder sogar Jahrzehnten immer wieder besuchen, und werden vielleicht von einer Aufführungsserie zur anderen die eine oder andere Veränderung bemerkt haben. Mögliche Gründe solcher Veränderungen sind vielfältig und oft pragmatischer Natur. Das gilt auch für einige Anpassungen an die aktuelle Situation, die in unserer Inszenierung der Zauberflöte von August Everding vorgenommen wurden. Wenn etwa Papageno und Papagena ihre Familienplanung besingen, dann kann ein besonders charmanter und berühmter Regieeinfall Everdings nicht umgesetzt werden: Die vielfältigen Kinderwünsche des Paares werden nicht in Gestalt der beliebten Papageno-Kinder über die Bühne tollen.

Monostatos ohne Blackface

Anders stellt sich die Situation bei der Entscheidung dar, die Masken des Monostatos und der Sklaven in der Zauberflöte zu verändern. Diese Entscheidung folgt einer ausführlichen Auseinandersetzung der Bayerischen Staatsoper mit der Kritik an der Praxis des Blackface oder Blackfacing, des Markierens von Darstellerinnen und Darstellern als schwarz oder afrikanisch unter Verwendung von Make-Up. War es zur Zeit der Neuproduktion 1978 international üblich, Monostatos, Otello und andere „schwarze“ Rollen in dieser Weise zu kostümieren, ist seither die Kritik an dieser Darstellungsweise gewachsen. Blackface wird als Karikatur und rassistisches Stereotyp kritisiert, das außerdem die Hierarchie zwischen „schwarzen“ Rollen, denen ihre Farbe wesentlich ist, und „weißen“, auf die das nicht zutrifft, herausstellt. Auch an unserer Zauberflöte wurde diese Praxis in den letzten Jahren vermehrt kritisiert, in Reaktionen des Publikums und in Reaktionen von Beteiligten an den Wiederaufnahmen. Im Musiktheaterprojekt Geliebt, gehasst und trotzdem treu, mit dem die Bayerische Staatsoper das Performancekollektiv Frl. Wunder AG 2018 aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums der Inszenierung von August Everding beauftragte, war Blackface eines von mehreren kritisch diskutierten Themen.

Als Konsequenz aus dem Prozess von Auseinandersetzung und Diskussion hat die Bayerische Staatsoper nun entschieden, dass die künftigen Vorstellungen der Zauberflöte ohne Blackface gespielt werden, die Darsteller werden also nicht mehr dunkel geschminkt. Die Kostüme des Monostatos-Darstellers und der Chormitglieder, die die Sklaven verkörpern, bleiben darüber hinaus unverändert. Die Verortung der Darsteller in einem imaginierten Orient, die die Kostüme Jürgen Roses nahelegen, tritt dabei aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts in einen Dialog mit dem Libretto von Emanuel Schikaneder: „Mohr“ bezeichnet keine Hautfarbe, sondern eine kulturelle Zuschreibung, die sich aus historischen Bildern, Vorstellungen und Übereinkünften zusammensetzt. Für den Begriff des Historischen gilt dabei dasselbe wie für den der Tradition, über die Theodor W. Adorno geschrieben hat, das „Medium ihrer Bewahrung“ sei „das kritische Verhältnis zu ihr“.

Kommentare

  • Am 11.09.2020 um 19:46 Uhr schrieb

New Comment