Die Blaubartmorde

Auszug aus der Ausgabe 2, 2019/20 von MAX JOSEPH:

Es ist bereits dunkel, als sie zugreifen, vier Beamte auf Zehenspitzen. Nichts soll schiefgehen. Sie schleichen die Treppe hoch, in einem Mietshaus in der 47. Straße West, Manhattan, um einen Mann festzunehmen, der viele Namen hat, und einen, mit dem er berühmt wird: Blaubartmörder. Er sitzt in einem Schaukelstuhl und raucht, als die Beamten ins Zimmer stürmen. Ruhig bleibt er, das ist sein Vorsprung. Er fühlt nichts, das ist sein Geschäft. Die Kommissare finden sechs Einhundert-US-Dollar-Banknoten bei ihm, fünf Fünfziger, Wechselgeld. Ein parfümiertes Taschentuch und Eheringe mit zerkratzter Inschrift. Zwölf Anzüge, die Label entfernt. Einen Revolver, einen Koffer und einen Füllfederhalter mit 58 Pulverkörnchen Arsen darin. Das ist alles, was Johann Hoch, der sich in den Januartagen 1905 Henry Bartels nennt, zum Überleben braucht. Auf der Wache leugnet er, der Gesuchte zu sein, beharrt auf seinem falschen Namen, bis eine Journalistin aus Chicago mit Anna Hendricks Schmidt anreist, einer seiner Frauen, die ihn identifiziert. „Ich bin Johann Hoch", gibt der Mann schließlich zu, und erklärt sich zum Opfer all der Frauen, in deren Herz er sich hineingeschwindelt hat. Ungefähr fünfzig sind es – und es ist anzunehmen, dass er 26 von ihnen umgebracht hat.

Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus dem aktuellen MAX JOSEPH

Die Presse gibt Johann Hoch den Namen Blaubart, nach literarischem Vorbild. In dem französischen Märchen Le Barbe bleu von Charles Perrault von 1697 ist Blaubart ein hässlicher reicher Mann, der sechs Ehefrauen umbringt, die siebte kann sich retten. Es ist einer der am häufigsten bearbeiteten Stoffe der Literaturgeschichte. Immerhin, Hoch pflegt seinen Schnauzbart, blau sind an ihm nur seine Augen. Ihm geht es vor allem ums Geschäft. Sein Beruf ist der Heiratsschwindel mit Todesfolge, den er fast ein Vierteljahrhundert lang perfektioniert. Seine letzte Anzeige, wenige Wochen vor seiner Festnahme, schaltet er unter dem Namen John Schmidt in der Chicago Abendpost, „Alleinstehender Mann mit eigenem Einkommen sucht Witwe ohne Kinder zwecks Heirat.“ Eben hat er ein Häuschen angemietet in der Union Avenue. Was ihm noch fehlt, ist die Frau, die ihm das finanziert. Es meldet sich Marie Walcker, 44, geschieden, Besitzerin eines Süßwarenladens, auf dem Konto ein paar Hundert Dollar. „Sollten Ihre Absichten ernst sein“, schreibt sie, „so sind es auch meine. Sie finden mich in der Willow Street, Hausnummer 12.“ John Schmidt ruft im Laden an. Sie sprechen lange, die zwei, die sich gefunden zu haben scheinen. Er erklärt sich zum Witwer, zum Hausbesitzer, zum gut situierten Mann mit reichem Vater in Deutschland, 81 Jahre alt, schwache Gesundheit. Neun Tage später heiraten sie, und Marie Walcker übergibt ihm ihr Erspartes, weil sein Geld in Geschäften feststecke. 

Plötzlich erkrankt sie. Sie muss sich übergeben. Hat Durst. In ihren Händen und Füßen kribbelt es, als wären Ameisen unter ihre Haut gekrochen. Ein Doktor wird gerufen, er diagnostiziert eine beidseitige Nierenentzündung. Ihre Schwester reist an, Emilie Fischer, und erzählt John Schmidt, dass sie 1000 Dollar gespart habe, die sie gerne für die Behandlung ihrer Schwester hergebe, falls das nötig sei. Ganz gut versteht sie sich mit ihrem Schwager, charmant ist er. Einmal hat sie ihrer Schwester ein Foto von sich geschickt, das hat er einfach behalten. Ihr Erspartes lehnt er ab. Als Marie Walcker einen Monat nach ihrer Hochzeit stirbt, schluchzt der Witwer laut, Emilie Fischer tröstet ihn. Neben der Toten hält John Schmidt alias Johann Hoch um ihre Hand an. Emilie Fischer protestiert anstandshalber drei Tage lang, dann heiraten sie doch. Der Kummer um Marie verbindet sie. Seelenverwandte müssen sie sein, das zeigen ihre Gespräche am Küchentisch bis in die Morgenstunden.

Jetzt brauche er ihr Geld doch, sagt Johann Hoch nach der Hochzeit. Fürs Geschäft. Und für die Hochzeitsreise nach Deutschland zum kranken Vater. Emilie Fischer leuchtet das ein. Erst als er plötzlich verschwindet, beginnt sie zu zweifeln. An sich. Am natürlichen Tod ihrer Schwester. Sie geht zur Polizei, wo ihr Inspektor George Shippy ganz genau zuhört. Er hat bereits aus anderen Bundesstaaten von Johann Hoch gehört und wartet nur auf Beweise, um ihn verhaften zu können. Marie Walcker wird exhumiert und obduziert. Dass sie genug Arsen im Körper hatte, um ein Brauereipferd zu töten, wird in den Zeitungen stehen. Dass sie nicht das erste Opfer des Heiratsschwindlers ist. „Blaubartmörder“ nennen sie ihn, er ist jetzt ein gejagter Mann.

Bisher tarnten Johann Hoch die Nachnamen seiner verstorbenen Frauen, unter denen er weiterreiste, die Liste seiner Alias ist lang. Schwer ist es, seinen Weg nachzuverfolgen, manche Quellen widersprechen sich. Es sind vor allem Zeitungsberichte aus der Zeit, die Aufschluss geben über seine reisen, seine Opfer, seine Taktik. Doch die Daten differieren, nicht einmal sein Geburtsname lässt sich verifizieren: Vielleicht kam er 1855 im rheinischen Horrweiler als Jakob Schmidt zur Welt. Vielleicht auch 1860 oder 1862 als Johann Schmidt in Straßburg. Ungeachtet dessen wird er in den Quellen Johann Hoch genannt, so auch in einem ausführlichen Beitrag über den Frauenmörder A. I. Schutzer in der Zeitschrift American Heritage von 1964. Aus seinen ersten zwei Lebensjahrzehnten ist nichts überliefert. Nichts, das darauf hindeuten könnte, wann und warum Johann Hoch zu morden begann. „Niemand wird böse geboren“, schreibt Kriminalpsychologin und Autorin Lydia Benecke 2013 in ihrem Buch Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen. Doch es gebe Eigenschaften, die manche Menschen stärker entwickelten als andere. Eigenschaften, die sie von den anderen trennten, die sie zu Psychopathen machten, die sich selbst und ihre Umwelt anders wahrnähmen. Solche Menschen fühlen Benecke zufolge anders, werden früh kriminell, sind unfähig, eine längere Verbindung einzugehen, und halten Sex für Liebe. Irgendwann in ihrer Kindheit müssen sie sich hilflos gefühlt haben, ausgeliefert. Und weil das ein Gefühl ist, das sie unter allen Umständen vermeiden wollen, werden sie geschickt darin, ihr Gegenüber zu lesen, Bedürfnisse zu erkennen und sich zunutze zu machen. Sie nisten sich in den Empfindungen anderer Menschen ein, spiegeln sie und spielen eine Nähe vor, die in Wahrheit nicht existiert: Johann Hoch reichen wenige Tage, Stunden, um geschäftstüchtige Witwen zur Heirat zu bewegen. Sie fühlen sich in ihrer Einsamkeit erkannt, als Liebhaberin wiederentdeckt.

1881 heiratet Hoch sein erstes Opfer. Die Frau heißt Annie Hock, sie leben in Wien. Nach zwei Jahren stirbt sie. Seine zweite Frau heißt Christine Ramb. Vier Kinder zeugt er mit ihr, bevor er mit ihren Ersparnissen verschwindet und im Januar 1888 ein Schiff nach Amerika nimmt. Ungefähr acht Tage dauert die Überfahrt. Ausreichend Zeit, um an Bord mit einer Immigrantin anzubandeln, sie gehört zur Crew. Hoch heiratet sie nach seiner Ankunft in New York, zwei Monate später ist sie tot. Stirbt sie an einer Arsenvergiftung wie viele Frauen nach ihr? Hat Johann Hoch bereits sein Geschäftsmodell entwickelt, an das er sich fortan halten wird?


Die Blaubartmorde ist ein Artikel von Lisa Frieda Cossham und erscheint am Freitag, den 24. Januar 2020 im MAX JOSEPH Magazin. MAX JOSEPH ist kostenlos an der Bayerischen Staatsoper, im Opernshop der Bayerischen Staatsoper sowie online in der Mediathek erhältlich. 

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