Der neue Arbeitsalltag: Von Spitzenschuhen, Masken und Tagebüchern

Nach einer sechsmonatigen Pause ist das Bayerische Staatsballett zurück in einem fast normalen Proben- und Vorstellungsalltag. Vieles ist Gewohnheit, einiges aber auch neu und anders. Pressesprecherin Annette Baumann und Dramaturg Serge Honegger haben in der letzten Augustwoche mit dem Leitenden Ballettmeister Thomas Mayr über die aktuelle Probensituation und die Vorbereitung der nächsten Vorstellungen gesprochen.

Serge Honegger (SH): Thomas, die Tänzerinnen und Tänzer sind nun nach der vorgezogenen Sommerpause zurück im Ballettsaal. Auf dem Spielplan stehen gleich im September zwei der größten Klassiker: Schwanensee und Giselle. Igor Zelensky hat sich dafür entschieden, diese beiden wichtigen Handlungsballette nicht vom Spielplan zu nehmen, sondern sie in einer modifizierten Fassung zu zeigen. Welche Idee steht hinter dieser Programmatik?

Thomas Mayr (TM): Wir sind eines der wenigen Häuser, die in der aktuellen Situation Handlungsballette spielen. Für die Tänzerinnen und Tänzer sind solche Produktionen sehr wichtig, damit sie weiterhin auf dem gewohnt hohen Niveau tanzen können. Nur zu trainieren reicht nicht, es braucht auch Aufführungspraxis. Davon abgesehen ist es ein kulturpolitisch wichtiges Zeichen: Die Kulturszene lebt, die Tänzerinnen und Tänzer wollen und sollen zurück auf die Bühne. Wir haben ein sehr umfangreiches und strenges Hygienekonzept. Absolute Sicherheit gibt es derzeit nirgends, aber wir setzen alles daran, für Tänzer, Mitarbeiter und Zuschauer größtmögliche Sicherheit zu ermöglichen.

Annette Baumann (AB): Du hast das Hygienekonzept bereits angesprochen. Es sind nun einige Bestimmungen zu beachten, die großen Einfluss auf den Arbeitsalltag haben. Was hat sich in der neuen Spielzeit konkret geändert?

TM: Zunächst einmal werden alle unsere Ensemblemitglieder, Pianisten und Ballettmeister regelmäßig und engmaschig getestet. Wir arbeiten hier mit einem Virologenteam vom Klinikum rechts der Isar zusammen, das uns auch medizinisch berät. Außerdem sind unsere Tänzerinnen und Tänzer in feste Gruppen eingeteilt. Unser Hygienekonzept sieht vor, dass bis zu zehn Künstler miteinander tanzen dürfen, wie es das aktuelle bayerische Rahmenkonzept für kulturelle Veranstaltungen und Proben zulässt. Entsprechend haben wir die Besetzungen festgelegt und die wiederum bestmöglich mit dem Trainingsplan abgestimmt. Das ist anfangs ein ziemliches Puzzlespiel, aber es funktioniert. So vermeiden wir größere Durchmischungen.
Im Falle von Schwanensee und Giselle haben wir die Gruppenszenen von der Besetzung her reduziert. Bei den Schwänen beispielsweise arbeiten wir mit drei 6-er Gruppen: zwei Mal sechs Gruppen-Schwäne, die dritte Gruppe besteht aus den vier kleinen und den zwei großen Schwänen. Eine weitere Gruppe ist Reserve. Die insgesamt zwölf Ensemble-Schwäne wiederum entsprechen den zwölf Wilis in Giselle, so dass wir an derselben Gruppeneinteilung festhalten können.

Auch sonst gilt am Haus ein striktes Hygienekonzept. Das Training findet in drei Gruppen statt, deren Größe jeweils abhängig vom Ballettstudio ist. Im Training achten wir verschärft auf Abstände. Außerhalb des Ballettsaals, auch in den Umkleiden, gilt Maskenpflicht. Die Garderobenplätze sind durch Trennwände voneinander separiert. Die Räume werden regelmäßig gereinigt und gelüftet. Und alle Tänzerinnen und Tänzer sind angehalten, ein Kontakttagebuch zu führen, damit wir im Falle einer Infektion schnell die Kontaktpersonen identifizieren und etwaige Infektionsketten durchbrechen können.

AB: Viele fragen sich natürlich, wie Abstandsregeln beim Tanz eingehalten werden können.

TM: Im Training können wir den Mindestabstand ohne Probleme einhalten. In den Proben und Vorstellungen dürfen wir innerhalb der festen 10er Gruppen ohne Maske und Mindestabstand tanzen, wenn das künstlerisch erforderlich ist. Die Pas-de-deux, Pas-de-trois oder Pas-de Six-Szenen berücksichtigen wir bei der 10er Gruppen-Einteilung, das können wir in den Proben also ganz gut steuern. Bei einem klassischen Pas-de-deux ist Abstand halten schwer möglich, da unterschreiten wird den Mindestabstand, was im Rahmen der 10er-Gruppen-Regelung ja möglich ist. Davon abgesehen: Als Künstler sind wir es gewohnt, auf verschiedene Bedingungen flexibel zu reagieren und Wege zu finden, damit eine Aufführung auch dann stattfinden kann, wenn die äußeren Zeichen vielleicht dagegensprechen.

Bühnenprobe im März 2020

SH: Wenn jetzt aber Veränderungen an den Choreographien vorgenommen werden, handelt es sich ja um Eingriffe in ein bestehendes Werk. Wie reagieren die Choreographen darauf?

TM: Mit den beiden Choreographen Ray Barra, von dem unsere Schwanensee-Version stammt, wie auch Peter Wright, der die originäre Giselle überarbeitet hat, bin ich seit vielen Jahren auch persönlich im Kontakt. Wir kennen und schätzen uns. Ich kann daher gut einschätzen, was ihnen am Herzen liegt und wichtig ist. Für die jetzigen Anpassungen habe ich mit Beiden Rücksprache gehalten, wie wir ihre künstlerische Vision adaptieren können, ohne zu sehr in die Werke einzugreifen. Denn das ist unsere Kernaufgabe: Choreographisch so wenig wie möglich zu ändern, dabei aber den neuen Gegebenheiten Rechnung zu tragen.

SH: Kannst du uns konkrete Bespiele nennen, was den Zuschauer erwartet – abgesehen von den offensichtlichen Änderungen, dass wir die Stücke ohne Pause (bzw. nur einer kurzen Lichtpause) spielen und dass es keine Gastronomie gibt?

TM: In Schwanensee verzichten wir beispielsweise auf den großen Walzer im ersten Akt, da dies mit einer reduzierten Besetzung eine komplette Neuchoreographie erfordert hätte. Später fällt eine kurze Szene mit den schwarzen Schwänen weg. Dazu kommen einige Änderungen bei den Auftritten und Abgängen, damit sich nicht zu viele Künstler in kurzer Zeit auf engem Raum begegnen müssen. Insgesamt haben wir die Anzahl der Tänzerinnen und Tänzer etwas reduziert. Tänzerin A tanzt zum Beispiel nur im ersten Akt, Tänzerin B nur im zweiten. Somit vermeiden wir schnelle Kostümwechsel auf der engen Hinterbühne oder im Bühnengang. Auch die Statisterie ist kleiner. In Giselle wiederum gibt es keine musikalischen Streichungen, da platzieren wir um, um die Abstände einzuhalten. Aber: Bei all diesen Änderungen handelt es sich um kleine choreographische Eingriffe. Werkstruktur und Charakter von Schwanensee und von Giselle bleiben komplett erhalten, wer nicht absoluter Kenner der Werke ist, wird  wenig von den Anpassungen bemerken.

AB: Nach einer längeren Zeit, in der das Training zuerst per Zoom und ab Juni dann wieder in Kleingruppen im Ballettsaal stattgefunden hat, besteht jetzt die Aussicht, das Ensemble wieder auf der Bühne des Nationaltheaters zu erleben. Was bedeutet das für die Tänzerinnen und Tänzer?

TM: Das Ensemble ist wirklich sehr erleichtert und freut sich, einen Schritt in Richtung „Normalität“ gehen zu können. Man kann natürlich auch Cardio-Training machen, indem man Rennrad fährt oder joggen geht, aber eine Aufführung durchzustehen, ist eine ganz andere Sache. Zumal ja nicht nur die Kondition eine Rolle spielt, sondern ebenso Kraft und Muskulatur; die künstlerische Gestaltung nicht zu vergessen. Im Training führen wir die Tänzerinnen und Tänzer nun sehr behutsam an die Aufgaben heran, um das Verletzungsrisiko gering zu halten. Die veränderten Probenbedingungen machen ihnen keine Probleme. Das sind alles Künstler und als solche gewohnt, flexibel auf neue Situationen zu reagieren.

SH: Eine krisenhafte Lage birgt manchmal auch neue Möglichkeiten. Siehst Du da in Bezug auf den Tanz die ein oder andere Chance?

TM: Wenn man der ganzen Sache etwas Positives abgewinnen möchte, dann ist es vielleicht das Bewusstsein, welche Bedeutung die Arbeit für einen hat – ob das nun eine künstlerische ist oder nicht, spielt keine Rolle. Man hat seinen Beruf ja in aller Regel bewusst gewählt und arbeitet mit Freude. Der erzwungene Verzicht durch den Lockdown macht einem wieder deutlich, wie sehr die tägliche Arbeit, das Zusammensein mit den Ensemblemitgliedern gefehlt hat. Die Freude, den Alltag zurück zu haben, zeigt sich deutlich am Engagement der Tänzerinnen und Tänzer. Und sicherlich wird dies auch das Publikum in den kommenden Vorstellungen spüren.

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