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23.04.10

Wirklich, Blanche? - Man hätte sie gern gesprochen, die Hauptfigur der „Dialogues des Carmélites“.

Die Eckdaten der Handlung sind schnell erzählt, und sie haben es in sich: Die angstverstörte Blanche flieht vor der Welt in ein Leben im Kloster, wo sie Heilung und Bestimmung zu finden sucht. Als während der französischen Revolution die Ordensschwestern ein Gelübde ablegen, für ihren Glauben in den Tod zu gehen, flieht Blanche erneut, zurück in ihr mittlerweile zerstörtes, adliges Elternhaus. Als die Karmeliterinnen singend zur Hinrichtung schreiten, stößt Blanche als letzte zu ihnen und geht mit ihnen in den Tod.

Blanche, im Ernst? Märtyrertod? Beim verwüsteten Beobachter bleibt das Gefühl, dass sie da nicht richtig dabei war. Dass sie nicht unbedingt für ihren Glauben sterben wollte – welcher Glaube überhaupt? Dass sie es vielleicht allen einfach mal zeigen wollte. Und auch so eine tolle Heldin, so eine 100%ige sein wollte wie die Ordensschwestern, um auch den Ruhm für den Märtyrertod einzusacken. Nennt man das nicht Trittbrettfahren, heutzutage? Wie auch immer, diese Blanche ist keine siegende Märtyrerin, die für ihre Ideale in den Tod geht, sondern sie ist aus Angst nicht zum Leben gekommen, und insofern ist das Ende katastrophal.

Kathartisch gebeutelt könnte man normalerweise nach Haus gehen. Aber das Ende von Blanche, es ist unaufgelöst, und die Frage, was da genau wach hält, bleibt.
Dass sie so passiv ist, so schwach. Warum ist sie so ängstlich, so immer auf der Flucht? So empfänglich für ein Heldentum, das vielleicht das der Karmeliterinnen ist, aber nicht das von Blanche. Der moderne Frager, er will sie schütteln und rütteln; er will Blanche anschreien: Such Dir doch jemanden, der Dich versteht! Oder Dich zumindest sieht, so wie die Priorin, die Dich vor diesem Weg so deutlich gewarnt hat. „Wir bewahren unsere Regel, mein Kind. Die Regel bewahrt nicht uns!“ Du musst hier von selber stehen können, Darling, wo auch immer, und das lass Dir von der Kloster-Oberin gesagt sein.

Was einen auch noch aufregt: Die Ahnung, natürlich, dass es nicht so einfach ist. Die Beschreibung ihres Bruders, dass der Frost wohl einen jungen Baum ins Mark traf, zündelt mit den offensichtlichen Rezepten für ihr Suchen. Es verstört, dass Blanche selbst ihre Schwäche so klar sieht, aber auf ihrer Flucht nur Symptome ihrer Angst betäubt. Der Todesentschluss, für das Außen der Durchbruch von Mut und Entschlossenheit, das ist Oberflächenkosmetik, die sie das Leben kostet. Dass sie es versucht hat und gescheitert ist, das lässt uns erschaudern, und es lauert die Frage, wo genau eigentlich ihre Chance war.

Von Gertrud von le Fort, der Schöpferin von Blanche als Autorin der 1931 erschienenen Novelle „Die Letzte am Schafott“, auf die das Libretto zurückgeht, gibt es ein Zitat, das die ganze Sache noch unheimlicher macht, sie sagt über die Figur: „Im historischen Sinn hat sie nie gelebt, aber den Lebensatem erhielt sie von meinem inneren Geist, und sie kann von diesem Ursprung, der ihrer ist, nicht getrennt werden. Geboren im durchdringenden Schrecken einer Zeit, die sich durch die Zeichen des Schicksals verdunkelte, hat sich diese Figur vor mir erhoben in gewisser Weise als Verkörperung des tödlichen Leidens einer Ära, die ihrer kompletten Zerstörung entgegen ging.“

Es ist also komplex. Was für eine starke, vielschichtige Figur. Blanche jedoch, das ist klar, wird nicht antworten.

Von Maria März

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Eine Märtyrerin? Susan Gritton als Blanche in Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von "Dialogues des Carmélites".

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