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31.07.12

Wagner sehen und sterben

Vor einigen Jahren bin ich in einem winzigen Antiquariat an der New Yorker Upper East Side auf ein abgegriffenes deutsches Notenbuch gestoßen: Eine Partitur von Wagners “Götterdämmerung”. Die Seiten waren vergilbt, angerissen, von unzähligen Markierungen und Notizen übersät. Durch reines Blättern, war nicht zu eruieren, wer diesen Kampf zwischen Mensch und Musik gewonnen hat. Aber einer der tapferen Krieger hatte auf der ersten Seite eine Mahnung hinterlassen: “If you want to be married to the opera, don’t start with the Ring.”

Und jetzt, liebe Lesergemeinschaft, hören Sie bitte auf zu glauben, dass auch nur einer dieser Sätze der Wahrheit entspricht. Alles frei erfunden! Aber ein guter Start in einen Blogeintrag, wie ich finde, und eine herrliche Anekdote um die von Wagner verstörten, vom Zyklus zermürbten Gesichter der etwa zehn Berliner Berufsschüler im Rang gegenüber literarisch zu untermalen. Willkommen in der Bayerischen Staatsoper!

Auch das Gesicht der 83jährigen Amelie Eschenbrenner (Parkett, 3. Reihe, links) übt sich seit geschlagenen 180 Minuten in einer, für ihr Alter, ungewohnt ausdrucksvollen Glanzleistung. Der Begriff “freudestrahlend” muss dabei noch als untertreibend gewertet werden. Diese hypertone Hochgefühl ist einzig und allein Richard W. geschuldet (und keineswegs, wie der ungeübte Beobachter vermuten mag, dem jugendlichen Witwenflüsterer zu ihrer Rechten).

Amelie Eschenbrenner und die zehn Berliner Berufsschüler haben nicht viel gemein. Ihr Empfinden dem Meister gegenüber könnte unterschiedlicher kaum ausfallen. Und trotzdem sähe sich ein Maler dazu im Stande das gegenläufige Mienenspiel unserer elf Protagonisten unter einem Titel zusammenzufassen: Wagner sehen und sterben.

Stärker noch als der zarte Hauch von Tod, Talkumpuder und Lavendel durchzieht eine strenge, fast beißende Note von Demut das Parkett. Betrachten wir dazu Klaus Jürgen Felbinger (12. Reihe, rechts), Bundesbeamter und Philatelist a.D., dem seit geschlagenen 27 Minuten dicke Tränen über das Gesicht kullern. Wer darin jedoch eine emotionale Regung zu erkennen glaubt, der irrt. Es wäre falsch und ungerecht dem Felbinger Klaus eine Neigung zur Empathie zu unterstellen. Honorieren wir vielmehr, auf welch hinreißende und demütige Art und Weise er seinen chronischen Reizhusten zu unterdrücken versteht.

Aber Wagner wäre nicht Wagner, wenn er nicht sogar daran gedacht hätte. Kennern der Materie werden die kleinen Brocken Antimaterie aufgefallen sein, die der Meister wissentlich und in weiser Vorraussicht in den gesamten Zyklus eingestreut hat: Pianissimo-Stellen, in welchen allen anwesenden Zuschauern die gnädige Gelegenheit gegeben wird ihrer tief empfundenen Demut freien Lauf zu lassen. Unter Musikwissenschaftlern auch als “interaktives Abhusten” bezeichnet.

Zahlreiche Zuschauer versuchen dem Erzfeind aller Wagnerianer durch den Werther beizukommen. Den echten, nicht den jungen. Nur aus diesem Grund können allabendlich Frauen mittleren Alters dabei beobachtet werden, wie sie vor Beginn der Inszenierung 10 bis 15 der karamellfarbenen Lutschbonbons entkleiden und im Saccharosereservoir ihrer Handtasche verschwinden lassen.

Gelegentlich geben sich Besucher der Bayerischen Staatsoper aber auch dem sportlichen Ehrgeiz hin, einen dieser Hustenstopper sogar während der Inszenierung von seiner knisternden Umhüllung befreien zu wollen. Aus Rücksichtnahme vor anderen Opernbesuchern führt bereits das leisteste Knistern zur sofortigen Disqualifikation. Im Balkon links sehen wir die amtierende Titelverteidigerin Gundula Noichl. Ihre persönliche Bestzeit liegt bei 38 Minuten und 17 Sekunden.

Ein kurzer umherschweifender Blick offenbart die üblichen Verdächtigen. Schläfer in Reihe 6, 14 und 21. Koitus in der Mittelloge, Myokardinfarkt im 2. Rang. 9 iPhones, ein TabletPC und ein doppelter Milcheinschuss einer jungen Mutter im hinteren Parkett. Eine lobende Erwähnung gilt Manfred Taubeneder für das unauffällige Verspeisen einer Weißwurst (mit Senf) im zweiten Aufzug und Adelheid Schindler, heutige Gewinnerin des Siegfried-Wagner-Ähnlichkeitswettbewerbs (Sie wissen schon, der Schwule).

Werfen wir einen letzten Blick auf Amelie Eschenbrenner in Reihe 3. Über ihrem Kopf kreist seit einigen Minuten eine regelmäßige Besucherin der Bayerischen Staatsoper, die nur selten Erwähnung findet: Die Tineola bisselliella wagnerensis. Bereits im ersten Aufzug der “Walküre” haben sich einzelne Weibchen dieser Mottenart aus ihren Hermelin- und Nerzrefugien erhoben um spätestens zum Ritt der Walküren in der Oberbekleidung einer anderen Witwe aus Grünwald oder Bogenhausen ihre Eier abzulegen. Bis heute ist es den Biologen ein Rätsel, wie es den Motten gelingt an eben jenen Ort zurückzukehren, an welchem sie selbst

[An dieser Stelle enden die Aufzeichnungen unseres Autors. Paul Bokowski (Balkon, 2. Reihe links) wurde nach mehrmaliger Ermahnung ob seines rauschenden Laptops des Hauses verwiesen.*]

*Stimmt nicht. Akku alle.

Von Paul Bokowski

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