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22.03.12

Vielleicht aus Leidenschaft

„Ohne Begeisterung ist noch nie etwas Großes geschaffen worden“, sagt Ralph Waldo Emerson. Dieses Motto scheint die Arbeit etlicher Regisseure zu prägen, z.B. die Andreas Kriegenburgs, der den neuen Münchner Ring des Nibelungen inszeniert. Deutlich spürbar ist seine Leidenschaft, mit der er inszeniert, der Sinn für schöne Details, die sanfte Regieführung und die ruhige, humorvolle Art, seine Gedanken und Gefühle zu bestimmten Szenen darzulegen. So gibt er uns Statisten ein präzises Bild seiner Vorstellungen.

Dies gelingt im Laufe der Probenzeit immer besser, weil man sich in terminreichen Wochen beinahe täglich sieht. Jeder Statist muss sich erst in die Figuren, die er darstellt, hineinfinden; das ist wichtig, um einen persönlichen Bezug zum Stück zu entwickeln. Wie verhalte ich mich als „Lichtfrau“ (so nennen wir die feenhaften Hausgeister im ersten Akt der Walküre)? Welche Gesten sind passend und an welchem Ort der Bühne fühle ich mich wohl?

Als Statist taucht man in eine Welt ein, in der die Rollen größtenteils schon vergeben sind. Darin seinen eigenen Platz zu finden erfordert Feingefühl. Jeder Bühnendarsteller befindet sich inmitten dieser Atmosphäre, und doch sind Statisten Randfiguren – denn was wir auch tun, wir bleiben stumm. Wir sind da, um ein Bühnenbild abzurunden, wir machen es durch unsere Präsenz belebter oder bilden den Rahmen für die Handlungen der anderen Figuren. Wir „verstärken“ Szenen, das kann durch eine Choreographie sein, durch das Anreichen und Abnehmen von Gläsern, Stiften oder anderen Gegenständen, durch das Formen von Möbeln oder Schriftzeichen aus Körpern, aus uns selbst. Das Publikum nimmt uns mal mehr, mal weniger wahr, es würde allerdings unseretwegen bestimmt keine Oper besuchen. Aber ohne uns vielleicht auch nicht.

Auf der Bühne zu stehen ist etwas Besonderes, für mein Gefühl auf jeden Fall besonderer und authentischer als an einer „normalen“ Arbeitsstelle. Und doch muss man sein Statistendasein meistens in einen Alltag integrieren, denn die meisten müssen mindestens einem Nebenjob nachgehen, studieren oder besuchen eine andere Weiterbildungsmaßnahme. Terminstress, stundenlange Proben abends oder am Wochenende, körperliche Anstrengung durch anspruchsvolle Choreographien und wenig Schlaf sind oft an der Tagesordnung. Dennoch – man ist dabei, hinter den Kulissen und auf der Bühne. Man darf neue Erfahrungen sammeln, Erfolgserlebnisse für sich verbuchen und kann sich schauspielerisch und persönlich weiter entwickeln.

Und wenn jemand mich fragen würde: Warum der ganze Aufwand? Dann würde ich sagen: Vielleicht aus Leidenschaft. Denn ohne Begeisterung ist noch nie etwas Großes geschaffen worden.

Von Sonja Lernet

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