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26.07.13

Fünf tapfere Schneiderlein

Wussten Sie schon, dass an der Bayerischen Staatsoper Jahr für Jahr etliche junge Menschen ihre Berufsausbildung absolvieren? Insgesamt gibt es momentan 16 Stellen in den verschiedensten Abteilungen des Hauses. Leonie Bockelmann, Praktikantin im Pressebüro, hat fünf von ihnen in der Schneiderei der Bayerischen Staatsoper besucht.

Die Festspielzeit geht langsam ihrem Ende entgegen, und damit eine aufregende und ereignisreiche Spielzeit. Auch Anja, Simon, Amelie, Milena und Michaela können auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Sie sind Auszubildende der Damen- und Herrenschneiderei der Bayerischen Staatsoper. Tagtäglich lernen sie von ihren Ausbildern das präzise Handwerk, mit dem Ziel auch eines Tages die Kostüme der großen Opernstars zu fertigen. Im Juni habe ich die fünf an ihrem Arbeitsplatz besucht.

Im vierten Stock des Neuen Probengebäudes am Marstallplatz befindet sich die Herren- und Damenschneiderei – nur ein Stockwerk unter dem Pressebüro, in dem ich selbst noch bis zum Ende der Spielzeit als Praktikantin mitarbeite. Marcel Tigoue, Ausbilder der Herrenschneiderei, empfängt mich am Aufzug. Seit 17 Jahren ist er als Schneider im Haus tätig und seit zehn Jahren begleitet er seine Azubis bis zur Gesellenprüfung. Stolz erzählt er, dass einer seiner Schüler im Jahr 2008 Bundessieger im Bereich der Herrenschneiderei wurde, während er mich durch die Räumlichkeiten führt. Konzentrierte Arbeitsatmosphäre und völlige Stille herrscht hier, Tische mit großen Arbeitsflächen, Nähmaschinen, unzählige Schneiderpuppen und Garnspulen in allen erdenklichen Farbtönen hängen an den Wänden. Ich lerne Anja und Simon kennen, die gerade an ihren Prüfungsstücken arbeiten.

Warum hat sich Anja als junge Frau für eine Ausbildung in der Herrenschneiderei entschieden?
Die 19-jährige lacht: „Weil mein Vater der schlechtgekleidetste Mann auf meinem Schulabschlussball war.“ Heute darf sich ihr Vater über maßgeschneiderte Anzüge freuen. Direkt nach dem Realschulabschluss bewirbt sie sich an der Staatsoper – und es klappt. Das Handwerkliche hat es ihr angetan, kreativ zu arbeiten und der Wunsch eines Tages mit handfesten Produkten ihr Geld zu verdienen. „Anfangs erschien die Bayerische Staatsoper wie ein riesengroßer Fels – mit fünfzehn vom Land nach München zu ziehen war ein großer Schritt“, erzählt sie.

Simon (20) ist Münchner und hat schon vor seiner Ausbildung seine Oma regelmäßig in die Staatsoper begleitet. „Kostüme haben mich immer fasziniert, wie da plötzlich alles zusammenspielt auf der Bühne, für mich war von Anfang an klar, dass ich das machen wollte.“

Aber der Weg bis zum Kostümschneider ist lang, und vor dem Schneidern der großen Roben liegt eine jahrelange Ausbildung, wie mir Frau Hohner, Ausbilderin der Damenschneiderei erklärt. Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Gesellen, die nach einer strengen Struktur verläuft. Die Auszubildenden absolvieren ein duales System: Neben der Ausbildung an der Staatsoper besuchen sie den Blockunterricht an der Berufsschule für Bekleidung in München. In den ersten drei Jahren liegt der Schwerpunkt auf den theoretischen und praktischen Grundlagen der Schneiderei. Alle Stiche müssen erlernt und das Erlernte anschließend in einer Mappe protokolliert werden. So kann der Ausbilder genau die Fortschritte seiner Azubis überprüfen – dies ist wichtig, da im stressigen Schneideralltag der Staatsoper oft selbstständiges Arbeiten auf dem Programm steht. Nach der Gesellenprüfung streben die Auszubildenden meist den Abschluss der Meisterprüfung oder eine weiterführende Ausbildung zum Kostümschneider an.

Worin unterscheidet sich die Kostümschneiderei von der Maßschneiderei? Anja zeigt mir ein Kostüm, bestehend aus Hunderten von transparenten Plastikscheiben, die sie selbst aufgenäht hat. „Bei der Kostümschneiderei steht die Wirkung auf der Bühne an erster Stelle. Jede Kleinigkeit muss beachtet werden: wie das Material mit dem Licht harmoniert, welche Effekte erzeugt werden sollen – hier wird nichts dem Zufall überlassen“. Beim Betrachten der vielen auf Puppen aufgesteckten Mäntel beginne ich zu verstehen, dass es hier um das Schaffen einer Illusion geht: So sind zum Beispiel Jackentaschen und Knöpfe nicht zu öffnen, wenn diese in der Inszenierung keine Aufgabe haben. Kostüme müssen beständig und vor allem änderbar sein, denn nicht selten gibt es in letzter Sekunde Besetzungsänderungen und in der Regel werden Kostüme für andere Produktionen weiterverarbeitet. „Diese Vielseitigkeit macht es so spannend“, erklärt Simon.

Die Mädels der Damenschneiderei teilen die Faszination für das Schneidern für die Bühne. Amelie (22), Michaela (22) und Milena (18) sind erst durch ihre Ausbildung mit der Kunstgattung Oper in Berührung gekommen. „Da wird man wohl oder übel mit reingezogen“ sagt Amelie, die sich heute keine der für Mitarbeiter offenen Proben entgehen lässt. Später wollen die drei ihr Handwerk nutzen um kreativ zu arbeiten.

Kreativ ist es doch schon jetzt, was die Auszubildenden hier machen – denke ich. Aber eigenes kreatives Arbeiten steht während der Ausbildung nicht auf dem Lehrplan, nicht bis zur Gesellenprüfung, bei der den Prüflingen die Entscheidung über Material, Schnitt und Verarbeitung dann selbst überlassen wird. Trotzdem konnten unsere fünf Schneider-Azubis sich schon vorher – im vergangenen April – künstlerisch austoben: bei der Teilnahme am Avantgarde-Wettbewerb der Bayerischen Maßschneider.

Unter dem Motto „artcouture – Kleider können Kunst“, fertigten alle fünf Auszubildenden der Staatsoper ihre ganz individuellen Interpretationen von Werken der Kunstgeschichte und bewiesen, dass sich Meisterwerke von bildenden Künstlern in Kleiderkunst verwandeln lässt. Zusammen mit 30 anderen Schneider-Azubis aus Bayern haben sie sich einer Fachjury gestellt, und damit die Bayerische Staatsoper als Ausbildungsort vertreten – würdig vertreten, denn alle fünf können stolz über den Gewinn einer Medaille sein.

Michaela präsentiert mir ihr Wettbewerbs-Modell. Das Gemälde Eine mondäne Abendgesellschaft (1878) von Jean Béraud gab ihr die Inspiration zu einem eleganten Herrenanzug. Michaela hält sich in ihrem Modell streng an das von Schwarz und Weiß geprägte Bild. Die Kronleuchter im Bild spiegeln sich in den Kristallen wider, die den Cut umranden.

Für ihr Modell hat sich Amelie, die wie Michaela zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung steht, an der visuellen Struktur eines Kupferstichs von Albrecht Dürer zum Thema Adam und Eva orientiert. Amelie gestaltete einen Ganzkörpersuit, auf den sie mit schwarzen Textilstiften eine mit dem Garten Eden assoziierbare Pflanzenstruktur aufmalte. Der Gedanke „den Körper als Leinwand zu sehen“, und durch den Körper die eigentlich zweidimensionale Zeichnung lebendig werden zu lassen, gefiel ihr.

„Ich fühlte mich erst einmal ein wenig überfordert“, erzählt Milena, die sich gerade im ersten Lehrjahr befindet und für die der Wettbewerb ihre erste große Herausforderung in der Ausbildung darstellte. Beim Durchstöbern von verschiedenen Kunstbüchern fesselte sie die Bildstärke des österreichischen Jugendstilkünstlers Gustav Klimt, insbesondere in dessen Meisterwerk Der Kuss. Milena präsentiert ihr Modell selbst und ist stolz über das Resultat. Für ihr Modell war Milena lange auf der Suche nach dem richtigen Stoff und hat einige Zeit im Stofflager der Bayerischen Staatsoper verbracht, wo sich alle Auszubildenden ihre Materialien frei aussuchen durften. „Da gibt es so viel Auswahl, das war nicht einfach.“ Auch die Schuhe hat Milena selbst mit Stoff überzogen, um so das Gesamtbild komplett zu machen.

Auch Simon und Anja schlüpfen in ihre Kostüme: Anjas fantasievoller Anzug steht im Kontrast zu Milenas femininem Abendkleid. Anjas Modell zeigt die düstere, ölige und heiße Fabrikatmosphäre in Adolph Menzels Eisenwalzwerk von 1873. Wie das Gemälde ist auch Anjas Modell von erdigen Farbtönen geprägt. Die gebatikte Jacke erinnert an einen Frack, der in eine Art Schleppe übergeht und dadurch den Anzug noch mächtiger erscheinen lässt. Das Modell greift Elemente aus dem Steampunk auf und „spiegelt meine Persönlichkeit wider“, erzählt Anja.

Simon orientierte sich an dem Gemälde eines Turban tragenden Mannes, das er im Internet fand. Er fertigte ein asymmetrisches Hemd und eine raffiniert geschnittene Haremshose mit einer Schärpe, die sich auf der Schulter befestigen lässt. Der ausgefallene Schnitt und der zeitgemäße Anzugstoff versetzen den historisch assoziierten Look in die Gegenwart.

Mit der Teilnahme an dem Wettbewerb haben die fünf nicht nur ihr präzises Handwerk und ihre Kreativität bewiesen, sondern auch, wie themengenau sie arbeiten. Anja, Simon, Amelie, Milena und Michaela stehen zwar erst am Anfang ihrer Ausbildung, aber die Leidenschaft für ihr Handwerk scheint schon jetzt unermesslich. Die wenigen Stunden in der Schneiderei haben mir gezeigt, dass die Bayerische Staatsoper auch als Ausbildungsort enormes leistet. Anja, Simon, Amelie, Milena und Michaela schätzen die Freiheit und Unterstützung, die das Haus ihnen als Auszubildende ermöglicht, als auch die Anerkennung des Ausbildungsplatzes in der Branche.

Die fünf tapferen Schneiderlein haben sich die Sommerpause wohl verdient. Jetzt heißt es wieder Kraft tanken, bevor sie in ein neues Ausbildungsjahr starten.

Von Leonie Bockelmann

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Kommentare (2)

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  1. “Oper für Alle” – wie passend (im netten Sinn). Ich finde es toll, das ihr so stark in Ausbildung investiert und somit unserer Jugend eine Perspektive bildet. Weiter so…
    LG
    Tommy

    tommy · 29.07.13 · #


  2. Diese Ausbildung ist sehr lustig und interessant. Je mehr Wert man auf Bildung legt, desto wird besser das Land.

    retusche091 · 1.11.13 · #




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