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4.12.13

Schatten

Das von Hugo von Hofmannsthal in „Die Frau ohne Schatten“ verwendete Motiv der Schattenlosigkeit weckt unzählige Möglichkeiten der Deutung. Die Musikwissenschaftlerin Dorota Krzywicka-Kaindel zieht eine Verbindung von Hofmannsthals Operndichtung zu C. G. Jungs Begriff des kollektiven Schattens – und zeigt, dass es unsinnig ist, sich vom Schatten der eigenen Geschichte lösen zu wollen.

Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.
(Friedrich Nietzsche, aus: Der Wanderer und sein Schatten, 1880)

Die Bewohner Indonesiens sind überzeugt, dass man einen Menschen töten kann, indem man seinen Schatten mit einem Schwert durchdringt. Araber glauben dagegen, dass das Zertreten von jemandes Schatten Stummheit und Lähmung der Person verursachen kann. Der kanadische Indianerstamm der Shuswap behauptet, dass wir ernsthaft krank werden können, wenn auf uns der Schatten einer Frau fällt, die gerade Witwe geworden ist. Der afrikanische Stamm der Malinke wiederum glaubt, dass während des Schlafes unser Schatten auf Wanderung geht. Wenn dem Schatten dabei etwas Böses widerfährt, kann dies nach dem Aufwachen Einfluss auf uns haben.

Die Bewohner der auf dem Äquator liegenden Inseln gehen mittags nicht aus dem Haus, in der Angst, ihren Schatten zu verlieren (dabei ist der Schatten das Maß für die Kraft des Mannes). Verständlicherweise, denn auf dem Äquator verursacht die senkrecht stehende Mittagssonne überhaupt keinen Schatten. Auch die Jakuten achten auf den Schatten, da sein Verlust Unglück brächte. Die alten Griechen verorteten die Seelen der Verstorbenen im Schattenreich.
Alle Kulturen sind sich diesbezüglich einig: Der Schatten gehört zu den integralen Teilen unseres Daseins. In der durch Carl Gustav Jung eingeführten Systematik jener Archetypen (publiziert übrigens ein Jahr bevor Hugo von Hofmannstahl mit dem Schreiben von Die Frau ohne Schatten begann) die sich unabhängig von der spezifischen kulturellen Tradition und Assoziation auf allen Kontinenten wiederholen, ist der Schatten der Archetyp unseres Unterbewusstseins – unser zweites Ich. Laut Jung ist er sogar wahrer als das Reale, durch das Fleisch Geformte. Der Körper ist nur eine Maske, die wir den anderen präsentieren und hinter der wir das verbergen, was die gesellschaftlichen Normen nicht akzeptieren, wofür wir uns schämen und was wir selber an uns verabscheuen. Der Schatten ist unsere zweite Natur, eine Ergänzung unseres Selbst. Ganz egal, ob wir den Schatten als die Seele ansehen, als eine dunkle Seite unseres Bewusstseins oder das Unterbewusste.

Die Kaiserin in Hofmannsthals Operndichtung hat keinen Schatten, weil sie kein Mensch ist. Ihr Wunsch, um jeden Preis einen Schatten zu erlangen ist gleichzeitig eine Sehnsucht nach dem Menschsein mit allen, auch negativen Konsequenzen. Hugo von Hofmannstahl war nicht der erste deutschsprachige Dichter, der das Thema des Schattens und seines Verlustes für sich genutzt hat. Genau einhundert Jahre zuvor wurde es von Adelbert Graf von Chamisso (der als Kind mit seinen Eltern das durch die Revolution erschütterte Frankreich verlassen hatte) in Peter Schlemihls wundersame Geschichte aufgenommen und ein viertel Jahrhundert später, 1838, vom Österreicher Nikolaus Lenau in der Ballade Anna verwertet.

Hofmannstahl kannte gewiss beide Texte. Aber es ist interessant, dass er die in ihnen verwendete Metapher in einer anderen Weise nutzte. In Hofmannstahls Version ist das zentrale Thema zwar auch die Notwendigkeit, einen Schatten zu besitzen, aber der Motor der Handlung nicht das Wiedererlangen des Schattens, sondern das Ergattern eines Schattens. Nicht die Kaiserin, sondern die Färberin gleicht Schlemihl und Anna, die unglücklicherweise ihren Schatten abgegeben und gleichzeitig begreifen, dass sie ohne ihren Schatten zu einer wertlosen Hülle werden. Nicht der Besitz eines Schattens an sich, aber das Bewusstsein seiner Existenz, seiner Unverzichtbarkeit und die entwickelte Fähigkeit, mit dem Schatten zusammen zu leben: Das macht unsere Persönlichkeit vollständig.

Die Färberin, wie auch Anna, die Protagonistin aus der Ballade Lenaus, willigt ein, ihren Schatten für das Versprechen der Unfruchtbarkeit abzugeben, das ihr unvergängliche Schönheit garantieren soll. Doch eine Frau, die keine Kinder haben konnte, wurde über Jahrhunderte als nutzlos empfunden. Kinderlosigkeit verhieß, keine Sicherheit im Alter zu haben und bedeutete eine Unterbrechung der Familienlinie, weswegen kinderlose adlige Frauen oft ins Kloster gingen. So wird die Enttäuschung und Bosheit der Männer der beiden Frauen in der Oper Die Frau ohne Schatten verständlich. Der Versuch der Anna in Lenaus Ballade von 1838, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen, ist für ihre Zeit untypisch. Anders sieht die Sache mit der Färberin aus (Hofmannsthal schrieb Die Frau ohne Schatten zu großen Teilen im Jahr 1913), die viel fortschrittlicher vorgeht. Die Jahrhundertwende um 1900 brachte den Frauen schrittweise Emanzipation als Ergebnis ihres Kampfes um Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Die Österreicherinnen hatten außerdem ein Vorbild in der 1898 auf tragische Weise verstorbenen Kaiserin Elisabeth, bekannt als Sissi, die zwar vier Kinder geboren hatte, ihr Ich aber sublimierte, indem sie sich mit der Elfenkönigin Titania identifizierte und nach dem 40. Lebensjahr ihr Gesicht verhüllte, um ihre Schönheit ewig im Gedächtnis der Nachkommen zu bewahren. All dies war dem Wiener Hofmannstahl genauso bekannt, wie die feministischen Bewegung einerseits und die Publikation Jungs und der Trend zu Freuds Psychoanalyse andererseits.

Die Popularität des Schatten als Motiv ist verständlich: Er ist das Unantastbare und Flüchtige und gleichzeitig die uns immer begleitende Kopie unserer Gestalt, etwas, das untrennbar mit uns verbunden ist, aber gleichzeitig nicht existiert.

Peter Schlemihl, der Protagonist der Erzählung Chamissos, ist, schon allein seinem Nachnamen nach ein Pechvogel. Das vom jiddischen Wort Schlamassel abgeleitete Schlemihl bezeichnet einen Unglücklichen, eine Person, die der Lächerlichkeit preisgegeben ist. Dieser Peter Schlemihl gibt ohne viel nachzudenken seinen Schatten ab. Am Anfang kann er sich an dem dafür erworbenen materiellen Reichtum erfreuen, jedoch wird ihm bald bewusst, was alles er verloren hat. Seine Geliebte Mina verkündet ihm: „Niemals nehme zum Manne ich dich, ohne Schatten bist du auch der Seele bar.“ Schlemihl muss an lichthellen Tagen vor den Menschen in Verborgenheit bleiben, verliert so langsam den Kontakt mit der Umgebung und letzten Endes auch mit der Realität und geht durch die Welt in den Siebenmeilenstiefeln, die er vom Teufel zum Trost bekommen hat. Als Mensch ist er entwurzelt. Chamisso selbst suggerierte, dass in seinem persönlichen Fall der Verlust des Schattens unter anderem den Verlust des Vaterlandes und der Wurzeln darstellt – ein Outsider-Dasein.

Es lohnt sich zu erinnern, dass die Analyse des Schatten-Archetypus durch Jung außer dem Begriff des persönlichen auch den Begriff des kollektiven Schattens, das heißt eines kollektiven Unterbewusstseins, einführte. Laut Jung besteht unsere Schattenseite aus Komplexen, Hirngespinsten und Phobien. Je stärker wir versuchen, sie in die Dunkelheit des Unterbewusstseins zu verbannen, desto eher kommen sie als aggressive Projektionen gegen unseren Mitmenschen an die Oberfläche. Gerade mit der Theorie des kollektiven Schattens lassen sich kollektive Psychosen erklären: Xenophobie, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie.

Durch Lenaus und Hofmannstahls Interpretation des Motivs des Schattenverlustes wissen wir von der Verbindung zwischen Schatten- und Kinderlosigkeit. Wenn der Schatten eine Art Bewusstseinsbasis ist, die Ausrüstung unserer persönlichen aber auch sozialen Geschichte, dann würde in diesem Fall der Mangel an Nachkommen bedeuten, dass Entwicklung und Zukunft einer Persönlichkeit oder einer Gesellschaft unmöglich sind, solange Vergangenheit verleugnet wird. Das heißt, dass eine ganze Nation, die sich für ihre Vergangenheit schämt, auf diese Art und Weise ihren Schatten verlieren kann. Und mit dem Schatten verliert sie nicht nur ihre Wurzeln und ihr Bewusstsein, sondern jegliche Chance auf Entwicklung. Sie kann keine Zukunft aufbauen und wird unfruchtbar.

Sowohl in Deutschland, dem Vaterland Richard Strauss’, noch in Österreich, dem Vaterland Hugo von Hofmannsthals brauchte es nach 1945 Jahrzehnte, bevor ein langsamer Prozess einsetzte, sich der jüngsten Vergangenheit zu stellen. Zu dieser Entwicklung gehört auch, dass 1963 in dem nach der Kriegszerstörung wiederaufgebauten Münchner Opernhaus in exponierten Logen durchaus auch viele einst mit dem NS-Regime verbundene Notabeln, Künstler sowie ehemalige Mitglieder und Anhänger der NSDAP saßen.

Die Verarbeitung ist ein langer Prozess. Das Ringen mit dem eigenen Schatten nimmt heutzutage allerdings manchmal überraschende Formen an. Der Wiener Historiker Oliver Rathkolb wurde unlängst durch die Wiener Stadtverwaltung beauftragt, an der Spitze einer Kommission von Historikern und Historikerinnen eine Liste mit Namensgebern Wiener Straßen und Plätze vorzubereiten und deren Lebensläufe daraufhin zu durchleuchten, ob sie sich als Antisemiten kompromittiert hatten oder dem Nazi-Regime zu nahe standen. In diesem Fall würde man die Straße umbenennen.

Auf der Rathkolb-Liste hat auch einer der wichtigsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts, zudem der am meisten gespielte Gegenwartskomponist des Dritten Reiches einen Platz gefunden – Richard Strauss. Zuvorderst für seine Oper Friedenstag, die 1936 komponiert und zwei Jahre später in München uraufgeführt wurde, aber auch für das im November 1943 zu eigenem Text komponierte Dankeslied, das dem Generalgouverneur des besetzten Polens Hans Frank gewidmet ist, jenem „Schlächter von Polen“, der sich schon im Herbst 1939 freute, dass er den Polen und Juden auf die Pelle rücken wird. („Wer tritt herein so fesch und schlank/ es ist der Freund Minister Frank/ Wie Lohengrin von Gott gesandt,/ hat Unheil’ er von uns gewandt./ Drum ruf ich Lob und tausend Dank/ dem lieben Freund Minister Frank.“)

Rathkolb setzte Richard Strauss neben Herbert von Karajan und Paula Wessely auf die Liste jener Fälle, die zur Diskussion stünden. Wenn der Komponist auf der Liste der „Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf“ einen Platz gefunden hätte, hätte eine Straße im 23. Wiener Bezirk ihren jetzigen Namen verloren, ähnlich wie der Dr.-Karl-Lueger-Ring, jener Teil des Wiener Rings, der wegen des offenes Antisemitismus dieses noch vor dem Ersten Weltkrieg verstorbenen Bürgermeisters in Universitäts-Ring umbenannt wurde.

Im Fall von Richard Strauss wurde eine Ausnahme gemacht, wahrscheinlich weil es unmöglich ist, jemanden als einen Antisemiten zu bezeichnen, der zu seiner jüdischen Schwiegertochter stand und der jeden künstlerischen Austausch ohne Vorurteile über Abstammung oder sexuelle Orientierung pflegte. Strauss hat Musik zu den Libretti des homosexuellen Oscar Wilde, des Juden Stefan Zweig und des als Halbjuden kategorisierten Hugo von Hofmannsthal geschrieben. Es ist recht ironisch, dass sogar die Idee für die Oper Friedenstag von Zweig stammte, der sich jedoch dann weigerte, das Libretto zu schreiben. Strauss hat den mit Brillanten besetzten Taktstock des Wiener Gauleiters und „Reichsstatthalters“ Baldur von Schirach nicht angenommen, da er ihn für zu schwer hielt. Begleicht diese Art der Arroganz die opportunistische Haltung des Komponisten?

Doch der Hauptgrund, weshalb er auch fortan einer Straße in Wien ihren Namen geben darf, war die Anerkennung für sein unbestreitbar enormes Talent. Das Auslöschen von Namen allein wird die Vergangenheit nicht reinigen, wird Wunden nicht heilen und nicht dazu beitragen, das Bewusstsein neuer Generationen zu wecken.

Sich von den Schatten der Vergangenheit zu distanzieren, ist eine falsche Methode. Es ist jedoch notwendig, sie benennen zu können. Sie zu beurteilen. Man muss mit ihnen bewusst leben. Wer dies nicht macht, den erwartet das Schicksal einer seelenlosen Schale ohne Zukunft.

Aus dem Polnischen von Michał Moroń-Zysko

Von Dorota Krzywicka-Kaindel

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