www
.blog
.staatsoper
.de

21.02.13

Russisch für Anfänger

Überdurchschnittlich musikalisch müssen die Sängerinnen und Sänger eines Opernchores sein. Darstellerisch müssen sie stark sein. Aber sie brauchen auch ein hohes Maß an Gedächtnisleistung und Konzentration: Zum einen müssen sie dazu fähig sein, ein großes Opernrepertoire musikalisch zu beherrschen; zugleich müssen sie diese Werke aber natürlich auch sprachlich „intus“ haben. Da die Bayerische Staatsoper ihre Werke in der Regel in Originalsprache aufführt, müssen die Sänger eine Vielzahl an Sprachen zumindest rudimentär beherrschen.

Italienisch, französisch und deutsch – kein Problem. Aber tschechisch oder russisch?

Für die Premiere von Modest Mussorgskys Boris Godunow hieß es für die knapp 200 Sängerinnen und Sänger von Chor und Extrachor sowie den Kinderchor also russisch pauken. Unter den Choristen der Bayerischen Staatsoper, die sich aus über 20 Nationen zusammensetzen, ist nur eine einzige russische Kollegin: Olga Hanauer. Es lag daher nahe, sie hier nicht nur als Chorsängerin, sondern auch als Sprachcoach einzusetzen. Bei den romanischen Sprachen tun wir uns ja erfahrungsgemäß etwas leichter, aber um einen russischen Text auswendig lernen zu helfen, bedarf doch eines ausgewiesenen Kenners und Könners.

Und so saß Olga Hanauer während zahlreicher Chorsaalproben nicht auf ihrem Platz, sondern vor dem Chor gleich neben dem Chordirektor und versuchte, ihren Kollegen die korrekte Aussprache ihrer Muttersprache beizubringen. In den Noten des Chores steht zum einen der kyrillische Text unter den Noten und zum anderen der ganze Text nochmal in Lautschrift. Diese Lautschrift wurde noch vor Probenbeginn von Olga Hanauer in Zusammenarbeit mit unserer Bibliothek in den Noten des Chores eingerichtet – ursprünglich beinhalteten sie nämlich die italienische Lautschrift des Russischen.

Zu Beginn der Probenphase sprach Olga Hanauer zunächst in ständigen Wiederholungen den Text im Rhythmus vor und die Sänger sprachen nach. Sehr früh kam dann auch die Musik dazu – man kann das nur „auf Noten lernen“, so Olga Hanauer, und vor allem: „wiederholen, wiederholen, wiederholen.“ Viele Vokale und Konsonanten werden im Russischen anders ausgesprochen als im Deutschen. Ein „O“ zum Beispiel wird zum „A“, ein „Boris“ demnach zum „Baris“. In über 20 Proben hat Olga Hanauer dem Chor, dem Extrachor und dem Kinderchor die russische Aussprache nahegebracht – und wir hoffen, dass den meisten Zuschauern von „Boris Godunow“ nicht auffällt, dass nur eine Sängerin des Chors aus einem russischsprachigen Land kommt.

Erst kürzlich habe ich ein ehemaliges Mitglied des Staatsopernchores getroffen und auf meine Frage hin, wie es ihm im Ruhestand erginge, sagte er, dass ihm am Meisten auffalle, wie stressig und anstrengend er das Textlernen empfunden habe – für ihn persönlich sei dies viel mühsamer gewesen als der musikalische oder szenische Part. Aber das empfindet sicher jeder anders.

Von Simone Theilacker

Bookmark

/ /

Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare! Beachten Sie jedoch, dass Ihr Beitrag nach der Vorschauansicht sofort online erscheint. Wir bitten Sie also, die üblichen Regeln des menschlichen Umgangs zu respektieren.




Wir auf