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18.10.13

Die Oper und das Leben

Jubiläumsschriften jubilieren meist bis zur Peinlichkeit; Chronologien entwickeln chronische Langeweile; Festschriften liegen unangenehm festlich fest in der Hand, so dass man sie gern ungelesen weglegt.

Die Bayerische Staatsoper nun wollte zum 50-jährigen Jubiläum der Wiedereröffnung ihres Nationaltheaters einen anderen Weg gehen – und zwar einen völlig anderen. Das Resultat liegt nun mit dem Buch „50 Jahre Nationaltheater“ vor: verrückt, spielerisch, unlogisch, subjektiv ist es geworden, eine Zusammenstellung von Ereignissen aus 50 Jahren Münchner Operngeschichte auf 365 Doppelseiten (das Ganze ist nämlich auch ein immerwährender Kalender!).

Wie ging die Arbeit vonstatten? Zunächst mussten Fotos recherchiert werden. Fotos, die man im Idealfall nicht kennt, oder die noch nicht veröffentlicht wurden, oder die zerknickt und zerfleddert waren, als hätten sie im Stasi-Archiv oder in der Cheops-Pyramide ganz unten gelagert.

Und was da alles zu Tage kam! Wolfgang Sawallischs Gemahlin Mechthild mit Plüschpandabär zum Beispiel. Oder Leonard Bernsteins Besuch bei Carlos Kleiber im Dirigentenzimmer während der Pause einer „Rosenkavalier“-Vorstellung (wobei man im Hintergrund die Toilette nebst hochgeklappter WC-Brille sieht – wir haben solches nicht wegretuschiert). Oder die Kritik zur „Meistersinger“-Vorstellung am 23. November 1963 des 35-jährigen Joachim Kaiser. Oder Zubin Mehta, der im Bierzelt auf dem Oktoberfest dirigiert…

Aber: Was sich in diesem Raum in der Staatsoper, an dessen Türe „Registratur“ steht, in grauen Stahlschränken mit Hängeregistern an Fotos aus 50 Jahren findet, macht nicht nur glücklich, sondern schnell auch sentimental. Zumal, wenn man selbst die meisten dieser „alten“ Produktionen gesehen hat. Es bleibt nämlich nichts. „Gar nix“, wie die Marschallin sagt. Aber: Gegen das vermeintlich wärmende Gefühl der Sentimentalität hilft nur Kälte ein kühler Kopf – und so ist es gut, dass die Registratur des Nationaltheaters unbeheizt ist. Geschichte braucht keine Heizung!

Das vorliegende Buch ist auch deshalb ziemlich verrückt, weil es eben nicht nur Devotionalien abbildet. Da wird auch erinnert, auf welche Ablehnung bei Publikum (und der Opernleitung!) Herbert Wernickes „Holländer“-Produktion von 1981 stieß, wie vehement Rossinis „Barbier“ in der Inszenierung von Ruth Berghaus bekämpft wurde. Da findet sich ein Automat mit Ohrstöpseln ebenso wie der lustig-lausige Blödsinn, der an Spinden und Pinnwänden klebt. Da wird das hehre Opernhaus gezeigt, aber auch die bürokratische Singbehörde, ohne die es abends auch keine Vorstellung auf der Bühne gäbe.

Und um den Spaß noch eine Nummer weiterzudrehen und um zu zeigen, dass „draußen“ vor den Türen des Nationaltheaters in den vergangenen 50 Jahren auch einiges los war, erinnern wir bei einem „Figaro“ von 1977 daran, dass gerade die letzte Hinrichtung mittels Guillotine in Frankreich stattfand; dass während der Hagelkatastrophe am 12. Juli 1984 Kleiber den „Rosenkavalier“ dirigierte und die Kuratorin im Tierpark Hellabrunn einige tote Flamingos zählte; dass Fritz Wunderlich 1965 in der „Traviata“ Alfredo war und der Bombenkrieg gegen Vietnam begann; dass manche Operngesten über Jahrzehnte erschreckend (oder beruhigend) gleich geblieben sind und dass 1973, als Ruggero Raimondi den Don Giovanni sang der Geldautomat patentiert wurde und Papst Paul VI. mit sofortiger Wirkung die Tonsur bei Mönchen abschaffte…

Wir finden, das hat alles ziemlich viel mit Oper zu tun. Denn es ist das Leben.

Von Pascal Morché

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