www
.blog
.staatsoper
.de

29.12.10

Musik von oben

Natürlich wussten wir, daß diese Nummer ziemlich schwierig werden würde.

Um Streichquartett zu spielen, braucht es neben allen üblichen Musiker-Fähigkeiten ein paar wesentliche Dinge: Man muss sich gegenseitig perfekt hören, man muss als Einheit spielen, auftreten und empfinden – nur so entsteht ein runder Ensembleklang und eine sinnhafte Interpretation. Und: Man muss extrem sicher sein.

Wenn wir heute Abend wieder vor dem Finale von Fidelio in drei Käfigen sitzend aus 15 Metern Höhe herabschweben und dabei Beethovens überirdisches Quartett op. 132 spielen, haben wir nichts von alledem: Wir können uns aufgrund der Entfernung gegenseitig kaum hören und sehen, wir fühlen uns so gar nicht sicher. Die Käfige schwanken und ruckeln – und mit seiner Höhenangst hätte unser erster Geiger hier eigentlich sowieso nichts zu suchen.

Dieser langsame Satz ist an der Grenze des Hörbaren komponiert, ein zerbrechliches Stück Musik. Schwer genug, mit den “paar Tönen” in nur einem Augenblick den Zuhörer mit auf die Reise zu nehmen und diese endlos langen Bögen zu ziehen – wenn man festen Boden unter den Füßen hat, das restliche Stück davor schon gespielt hat und dadurch “warm” ist. Aber nach 40 Minuten stummen Schaukelns in 15 Metern Höhe mit kalten Fingern, ohne den Kontext des ganzen Satzes ins Portal des voll besetzten Nationaltheaters schwebend?

Was hat also uns und unsere Freunde vom LazArt-Quartett (die sich mit uns die Vorstellungen teilen) geritten, diesen Job trotzdem anzunehmen?

Ganz einfach: Wir waren überzeugt, daß der Regisseur mit diesem an die Grenze des Machbaren gehenden Einfall einen unglaublichen Effekt schaffen würde: Das große Drama konzentriert sich auf eine ganz kleine, intime Atmosphäre, ein Anhalten von Zeit und Raum bevor das hereinbrechende C-Dur Finale den Kontrast zeigt. Ein genialer Theater-Moment.

Wir haben uns natürlich gut vorbereitet: Viele Proben, in denen wir gelernt haben das Stück auch “blind” und räumlich getrennt voneinander gemeinsam zu fühlen, mehrere Proben im Käfig schaukelnd, natürlich auch eine Änderung der Interpretation auf diesen reduzierten Ausschnitt hin. Normalerweise spielen wir alle als Mitglieder des Staatsorchesters seit vielen Jahren im Orchestergraben, als Quartett sind wir aber auch schon seit einigen Jahren viel auf der Bühne und haben gelernt, in jeder Situation einen gemeinsamen Puls zu entwickeln.

Wenn also auch noch unsere Nerven in der Vorstellung standhalten, werden wir belohnt. Mit einer einfach wunderbaren und magischen Musik, die die Seelen berührt – unsere eigenen und hoffentlich auch die unserer Zuhörer.

Von Felix Gargerle

Bookmark

/

Kommentare (2)

Wir freuen uns über Ihre Kommentare! Beachten Sie jedoch, dass Ihr Beitrag nach der Vorschauansicht sofort online erscheint. Wir bitten Sie also, die üblichen Regeln des menschlichen Umgangs zu respektieren.




Wir auf