www
.blog
.staatsoper
.de

1.02.13

„Ich habe nicht viel Hoffnung“

Die Endproben zur Neuproduktion von Boris Godunow laufen bereits – am 13. Februar feiert Modest Mussorgskys Oper ihre Premiere. Regie führt Calixto Bieito, der nach seiner Inszenierung von Beethovens Fidelio wieder an die Bayerische Staatsoper zurückkehrt. Gedanken des spanischen Regisseurs über künstlerischen Freiraum, das schlechte Gewissen der Mächtigen und die Krise in seinem Heimatland.

Inszenierung und Probe …
sind für mich Momente der Freiheit, wie ich sie in keiner anderen Situation finde. Ein Raum, in dem ich meine Gedanken und Fantasien fließen lassen und teilen kann. Sich in einem Probenraum einzuschließen, ist immer noch etwas Utopisches und sehr Schönes. Es ist die Möglichkeit, eine fiktive Parallelwelt zu erschaffen, wo alles möglich ist und wo die Grenzen, die einem die Realität auferlegt, verschoben oder verändert werden können.

Der Kern des Inszenierens …
ist das Bedürfnis, etwas auszudrücken, das in dir steckt und das nach draußen kommen muss. Das ist wirklich ein starkes Bedürfnis.

Inszenieren, manipulieren, kontrollieren – …
dieser Dreiklang passt für mich nicht zusammen. Manipulation hat eine negative Bedeutung, die mich nicht wirklich überzeugt. Inszenieren heißt, ein Team zu einer Idee zu führen. Das bedeutet, dass der Regisseur vorangeht mit seinen genauen Vorstellungen, gleichzeitig muss er jedoch auch seine Emotionen und Ideen mit den anderen teilen. Motivieren ist hier das schönere Wort. Ein kreatives Miteinander mit einer Gruppe von Künstlern erreichen, damit sie das Beste aus sich herausholen.

Mussorgskys Oper Boris Godunow
zeichnet, ich würde fast sagen auf visionäre Art und Weise, eine Gesellschaft, die der heutigen sehr ähnlich ist, in der soziale, wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede zwischen einer Minderheit und einer Mehrheit immer größer werden. In der die breite Masse nicht weiß, von wem, warum und wo die Entscheidungen getroffen werden, die das tägliche Leben beeinflussen. Ein Volk, das fast in einer notorischen Ignoranz lebt.

Das schlechte Gewissen …
ist für mich das zentrale Thema der Boris-Figur, das ihn bis in die tiefsten Abgründe seines Denkens verfolgt. Und hier stelle ich mir eine entscheidende Frage: Können wir nach dem schrecklichen 20. Jahrhundert und nach all den Grausamkeiten, die Politiker, Militärs und generell die Mächtigen begangen haben, noch glauben, dass irgendjemand ein schlechtes Gewissen hat wegen seiner negativen Taten? Ich wage zu denken, dass der Mehrheit der Mächtigen ihre Verbrechen und ihr korruptes Handeln ziemlich egal sind. In meinem Land erlebe ich ständig, wie sich Politiker oder irgendein Mitglied des Königshauses für den Rest der Menschheit nicht die Bohne interessieren. Leben wir in einer Gesellschaft der gnadenlosen Raubtiere, wo es für Gutheit keinen Platz mehr gibt? Existiert noch irgendeine Form von Gewissen bei denjenigen, die uns regieren? Haben wir nicht letztlich doch Mitleid und guten Willen erlebt? Ja, es gibt viele Fälle von Solidarität zwischen Individuen, die mit Macht nichts zu tun haben. Aber gründet sich Macht nicht auf das Verbrechen, auf das Fehlen von Werten und Skrupeln, auf die fortwährende Zerstörung und auf die Bereicherung auf Kosten des Volkes? Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, korrumpiert die Macht normalerweise denjenigen, der sie besitzt.

Das Volk in Boris Godunow
kann nicht rebellieren, weil es seit jeher, wie in Spanien, domestiziert ist. Es ist wie wir: passive Wesen, die Opfer der Manipulation durch die großen wirtschaftlichen Strukturen sind.

Die finanzielle Situation in Spanien …
ist für die Kunst eine Katastrophe. Die Kultur in Spanien steht schon seit Jahrhunderten im Zeichen des Vergnügens, der Banalität und der Oberflächlichkeit. Regierung auf Regierung hat ihr Desinteresse für Kultur und Kunst unter Beweis gestellt. Sehr viele spanische Künstler mussten ihre Arbeit im Ausland ausüben, vor allem im 20. Jahrhundert. Aber das hat sich bis heute nicht geändert und die Wirtschaftskrise hat genau gepasst, um das Wenige, das in den letzten dreißig Jahren geschaffen wurde, wieder zu zerstören.

Die Euro-Krise …
hat in Spanien ein Gefühl der Niedergeschlagenheit und der geistigen Blockade hervorgerufen, obendrein Ohnmacht und Traurigkeit.

An Straßenprotesten …
habe ich in Spanien bei der Bewegung 15. Mai im Jahr 2011 teilgenommen und in Buenos Aires zusammen mit den Madres de Plaza de Mayo, der Organisation von Müttern, deren Kinder in der Militärdiktatur verschwunden sind. Das war aber mehr ein Akt der Solidarität ohne viel Hoffnung. Einige meiner Inszenierungen haben wütend gegen die Schlechtigkeit des Wesens Mensch protestiert. „Das Leben ist … eines Toren Fabel nur, voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar“, wie Macbeth sagt. Wofür ist es wert, auf die Straße zu gehen? Ich habe nicht viel Hoffnung. Es tut mir leid.

Meine einzige Form des Protests …
ist, zu versuchen, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen und meine Freiheit darin zu zeigen. Zu versuchen, konsequent mit mir selbst zu sein, auch wenn es vielleicht nichts bringt. Nein, ganz ehrlich, es bringt nichts. Ich bin bloß ein einfacher Regisseur.

Spanien heute …
ist es nicht gelungen, nach der transición, der Übergangszeit zwischen der Diktatur Francos und der Demokratie eine richtige Aussöhnung zu erreichen, da es seine historischen Wunden nicht verkraften konnte.

Der Text beruht auf Fragen von Andrea Schönhofer. Er ist zuerst erschienen in der neuen Ausgabe unseres Magazins MAX JOSEPH.

Aus dem Spanischen von Florian Heurich

Von Calixto Bieito

Bookmark

/

Kommentare (1)

Wir freuen uns über Ihre Kommentare! Beachten Sie jedoch, dass Ihr Beitrag nach der Vorschauansicht sofort online erscheint. Wir bitten Sie also, die üblichen Regeln des menschlichen Umgangs zu respektieren.




Wir auf