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31.10.11

Erzähltes Erzählen

Alles singt. Die Geister von Wein und Bier eröffnen in ihren Fässern den Reigen. Die Wissenschaft, die Physik erhält eine Stimme: Olympia, eine mechanische Puppe brilliert in ihrer Arie – auch wenn ihr Räderwerk von Zeit zu Zeit des Aufziehens bedarf. Das Porträt einer Mutter erhebt die Stimme, um mit vertrauten Melodien die Tochter zum Singen zu verführen und am Gesang sterben zu lassen.

Allen voran aber ist es Hoffmann selbst, der singend und erzählend die Bühne betritt. Denn wenn Jacques Offenbach und Jules Barbier die „Contes d’Hoffmann“ erzählen, erzählen sie nicht nur E.T.A. Hoffmanns fantastische Geschichten, sondern auch eine Geschichte über Hoffmann. Er ist Protagonist der Opéra fantastique und erscheint in seinen drei Erzählungen wieder. In den Mittelakten fabuliert der Dichter über seine vergangenen Lieben: Ein jedes Mal findet er eine Geliebte und wird sie verlieren – die seelenlose Puppe, die Künstlerin und die Kurtisane. In ihnen aber spiegelt sich eine einzige: Stella. Sie ist Hoffmanns Grund zu erzählen. Ihre Liebe und Hoffmanns Liebesschmerz werden in den beiden rahmenden Akten vorgestellt. Dort trinkt Hoffmann gegen seinen Kummer, singt und verliert sich im Couplet vom „Kleinzack“; die Stimme gleitet ins Andante und seine Gedanken unwillkürlich zu Stella.

Mit E.T.A. Hoffmann wählten Jules Barbier und Michel Carré, deren Drama die Vorlage für Offenbachs Oper darstellt, einen Schriftsteller und Komponisten zum Protagonisten, der vor allem in Frankreich zum Paradebeispiel des romantischen Genies avancierte. Seine Erzählungen offenbaren die Ängste seiner Zeitgenossen, sind durchzogen von Schauderhaftem, Grauenerregendem und Wunderbar-Fantastischem. In ihnen vermischen sich Fantasie und Realität, Wahnsinn und Rationalität. Sie sind uneindeutig und ambivalent. Nicht selten bleibt offen, ob die vorgestellten fantastischen Figuren Phantasmen der Protagonisten sind, ob es sich um Trugbilder oder ‚reale’ Wesen handelt. Hoffmanns Erzählungen sind getaucht in ein Zwielicht, wie es auch vom lodernden Punsch am Ende des ersten Aktes ausgeht und nicht nur die folgenden Akte, sondern die gesamte Oper umhüllt. Denn nur scheinbar und vordergründig bietet die rahmende Erzählung um Hoffmann und Stella einen festen Grund, von dem aus und auf den hin erzählt wird. Die Erzählungen spiegeln nicht nur das Leben – die vergangenen Lieben wie die gegenwärtige –, sondern in ihnen, in ihrer Fantastik konstituiert sich allererst die Figur Hoffmanns.

In Barbiers und Carrés Drama, in Offenbachs Oper verdoppelt sich der Dichter, wird zur Doublette, ist Erzähler und Erzählter, Betrachter und Betrachteter. Es ist aber nicht mehr die rationale Reflexion, die das Individuum auf sich verweist, sondern der Rausch und der Wahnsinn, die das Genie zum Vorschein bringen. Sich selbst fabulierend entwirft sich Hoffmann erzählend auf dem schmalen Grad zwischen Biographie und Fantasie. Die einst so hehre Muse der Kunst rückt dem Wahnsinn, dem Un- und Unterbewussten immer näher. In den „Contes“ entsteigt sie einem Fass zum „Glou! Glou! Glou!“ spirituöser Geister. Das Genie gebiert sich aus seinen Abgründen, konstituiert sich in einem Zwischenraum, in dem Realität und Fiktion, Heterogenitäten und Identitäten ineinander übergehen.

Zwischen den Akten entsteht Hoffmann. Hier verschmelzen Stella, Olympia, Antonia und Giulietta: eine Stimme, ein Körper für vier Figuren, die für den Zuhörer und Zuschauer unweigerlich ineinander übergehen – wie auch die vier diabolischen Figuren und Dienerrollen aus Rahmenhandlung und Erzählung. Identitäten werden verwischt, gleiten ineinander, und werden im Zerrspiegel der Fantasie neu entworfen. Auch die Komposition setzt sich aus heterogenen Elementen zusammen: Studentenlieder und Romanzen, Couplets und große Ensembles, (an)zitierte und erzählte Musik, Kompositionen unterschiedlicher musikalischer Traditionen und Gattungen verbinden sich zwischen Ernst und Ironie zur Opéra fantastique – zu einer Erzählung über das Erzählen, zu einer Fantasie über die Fantastik des Gesangs.

Dies ist die überarbeitete Version eines Essays, der bereits in unserem Magazin Engelsloge Nr. 11 erschienen ist.

Von Josef Bairlein

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