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3.05.13

„Er war ein Bauchmensch“: Erinnerungen an Hans Werner Henze

An der Bayerischen Staatsoper kennt man Christa Pfeffer natürlich: Sie ist die Assistentin des Generalmusikdirektors Kent Nagano. Was nicht alle Kolleginnen und Kollegen wissen: Sie war auch langjährige Mitarbeiterin von Hans Werner Henze. Vor kurzem haben wir uns für ein Glas Wein in der Kantine getroffen um über den im Oktober des vergangenen Jahres verstorbenen Komponisten zu sprechen, dessen „Elegie für junge Liebende“ nun in einer Produktion unseres Opernstudios wieder auf dem Programm steht. Ein Gespräch über Nähe und Distanz, über 25 Jahre gemeinsame Arbeit und Freundschaft – und viele zärtliche Erinnerungen an einen großartigen Menschen.

Gefragt, ob sie nicht Lust hätte, ein bisschen von ihrem Verhältnis zu Henze zu erzählen, sagt Christa Pfeffer sofort zu. Aber bitte kein trockenes Interview, lieber entspannt bei Wein und Pasta! Also treffen wir uns in der Kantine der Staatsoper zum Gespräch. Wir kommen ins Plaudern, springen von einem Thema zum nächsten, wieder zurück und lassen uns treiben. Im Mittelpunkt des Abends aber immer: Hans Werner Henze.

1986 hatten sich die beiden in Frankfurt kennen gelernt: Anlässlich von Henzes 60. Geburtstag wurde an der Alten Oper eine groß angelegte Reihe von Aufführungen seiner Werke gegeben – und Christa Pfeffer arbeitete damals im Künstlerischen Betriebsbüro des Konzerthauses. „Henze ging nach den Konzerten durch die Büros und bedankte sich bei allen Mitarbeitern“, erinnert sich Christa Pfeffer. „Er war unglaublich charmant und einnehmend. Ein eleganter und vornehmer Mensch.“

Diese Charaktereigenschaft sollte Henze oft zu Gute kommen: „Manchmal griff er einfach nur zum Telefon, wenn er jemanden brauchte. Und am nächsten Tag standen die Musiker auf der Matte. Die Menschen kamen, um mit ihm zu arbeiten. Weil er diese unglaubliche Ausstrahlung hatte.“

Zur eigentlichen Zusammenarbeit zwischen Christa Pfeffer und Hans Werner Henze kam es jedoch erst 1988 anlässlich der ersten Münchner Biennale, dem Festival für neues Musiktheater. Einen Stein im Brett hatte sie allein schon wegen ihrer Herkunft: „Hans fragte einen immer, woher man käme. Mein Vater war Westfale, und das fand er als Westfale natürlich ganz toll.“ Aber die Biennale brauchte in erster Linie jemanden mit Erfahrung im Künstlerischen Betriebsbüro – und dafür war Christa Pfeffer genau die Richtige. Und bis heute begleitet sie das Festival ununterbrochen im Organisationsteam.

Gerade Henzes Münchner Zeit ist Christa Pfeffer in guter Erinnerung: In der Zweibrückenstraße bewohnte der Komponist mit seinem Lebensgefährten Fausto Moroni eine Wohnung, und die Abende dort waren opulent und lang. „Fausto war ein fabelhafter Koch. Und Hans achtete nie aufs Geld – Hauptsache, der Wein und das Essen waren gut.“

„Christ-Elflein“ nannte Henze Christa oft. Mit einem zärtlichen Lächeln erzählt sie das. „Und ‚Christus’ sagte er zu mir, wenn er streng war. Er konnte nämlich auch sehr energisch sein.“ Überhaupt erfand Henze für viele seiner Freunde und Mitarbeiter liebevolle Kosenamen.

Die letzte Begegnung zwischen Henze und Christa Pfeffer war nur wenige Wochen vor seinem Tod anlässlich der Premiere von „We Come to the River“ an der Dresdner Semperoper: der Auftakt einer groß angelegten Würdigung des Komponisten, initiiert von der kurz zuvor verstorbenen Intendantin Ulrike Hessler – ebenfalls lange Jahre eine enge Weggefährtin Christas. Irritiert seien viele Gäste auf der Premierenfeier vom Komponisten gewesen, erzählt Christa Pfeffer. „Zu diesem Zeitpunkt war er schon stark von seiner Parkinson-Krankheit gezeichnet. Und er konnte ja nur mehr sehr mühsam sprechen.“ Vom einstmals so eloquenten Henze war nicht mehr viel übrig geblieben. Dennoch: Der Komponist wollte unbedingt noch die Premiere seines Werks sehen.

Obwohl sich Henzes Gesundheitszustand seit Jahren immer mehr verschlechterte: Der Tod des Freundes und Meisters am 27. Oktober 2012 war für Christa Pfeffer ein schwerer Schlag. Und doch lebt er weiter – in der Erinnerung seiner Freunde und Weggefährten, in seinem Werk.

Am Ende des Abends verlassen wir die Kantine mit einem Lächeln. So viele Anekdoten, so viele Geschichten – und so viel Zuneigung. „Er war ein Bauchmensch“, sagt Christa Pfeffer zum Schluss noch und fasst so die Persönlichkeit des Komponisten zusammen.

Ein bisschen hat man den Eindruck, Hans Werner Henze an diesem Abend kennen gelernt zu haben. Danke, Christa!

Von Johannes Lachermeier

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