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12.04.12

Eine Esche für Hundings Hütte

Ankunft in Poing: Nachdem ich mit dem Auto neben den Werkstätten der Bayerischen Theaterakademie August Everding, des Bayerischen Staatsschauspiels und des Gärtnerplatztheaters vorbeigefahren bin, komme ich ins Areal der Bayerischen Staatsoper. Die Lastwagen und Anhänger geben mir das Gefühl, dass hier immense Bühnenbilder konstruiert werden und allein deren Transport eine Sondergeschichte für sich wäre. Ahnungslos spaziere ich in eine dieser riesengroßen Hallen und bin beeindruckt von der ruhigen Atmosphäre. Gelassen, aber mit viel Konzentration führen die Maler, Tischler und Schlosser ihre Arbeit aus. Ich frage jemanden, wo ich die Abteilung der Bühnenplastik finden kann, denn ich bin ja hier, damit der Leiter für Bühnenplastik, Peter Pfitzner, mir die Konstruktion der Esche in der „Walküre“ erläutert.

Peter Pfitzner erklärt mir, dass er das Bühnenbild seit genau einem Jahr kennt. Die größte Herausforderung war von Beginn an klar: die Dimension des Baumes. Da die Bayerische Staatsoper ein Repertoirebetrieb ist – das heißt, dass während der Aufführungsserie der „Walküre“ auch andere Opern gespielt werden –, musste ein Lösung gefunden werden, damit der Baum schnell abgebaut werden kann, und nicht im Weg steht. Wäre der Baum in der Höhe auch nur einen Meter kleiner gewesen, wäre das Lagern des Baumes im Nationaltheater deutlich einfacher gewesen. Es galt nun, eine Konstruktion zu finden, die es ermöglicht, den Baum aus Einzelteilen möglichst schnell zusammenzubauen und dennoch die Statik zu gewährleisten.

Für die Bühnenplastiker, die praktisch alleine diesen Baum erschaffen haben, da die Kollegen der Schlosserei mit anderen Bühnenbildelementen beschäftigt gewesen waren, gab es weitere Herausforderungen. Anhand der zweidimensionalen Vorlage, die die Esche nur aus der Frontalperspektive zeigt, musste eine technische Zeichnung auf dem Computer angefertigt und schließlich ein Modell im Maßstab 1:10 hergestellt werden. Somit konnte man die Einzelteile berechnen und prüfen, ob der Baum auch statisch die geplanten 24 Leichen in den Ästen tragen könnte. Anhand von leicht gekrümmten Eisenröhren, die schräg abgeschnitten wurden und unterschiedliche Längen aufwiesen, konnte die Grundstruktur des Baumes gebaut werden. Zwei Bühnenplastiker, die beide auch eine Schweißer-Ausbildungen haben, schweißten in nur acht Wochen die einzelnen Eisenröhren zusammen. Da die Schnittstellen der Röhren schräg verlaufen, konnten sie ein Eisengerüst anfertigen, das eine organische Form annahm. Jetzt versteht man auch, warum dieser Baum ein Gesamtgewicht von ca. anderthalb Tonnen aufweist.

Bevor die Eisenröhren mit Kunststoff-Rinde verkleidet werden konnten, wurde ein Material benötigt, das den Zwischenraum auffüllt: Styropor. Anhand von Ringen, die unterschiedliche Durchmesser haben, konnte man ein Eisenrohr dicker beziehungsweise dünner aussehen lassen. So wurden also dicke beziehungsweise dünne Äste konzipiert. Darüber wurde die Kunststoff-Rinde geklebt. Für die Außenhaut wurde eine Holzfirma in der Rhön beauftragt, große echte Rindteile einer Esche zu finden. Für den Stamm und die unterschiedlichen Stärken der Äste benötigte man verschiedene Strukturen. Mit diesen Musterteilen konnten Silikonabgüsse in der Negativtechnik erstellt werden. Daraus wiederum wurde mit einem Kunststoffspritzverfahren das Positiv gegossen. Diese Rinde ist aus Polyurethanhartschaum (Kunststoff), der wiederum eingefärbt wurde. Die Esche sah schon ziemlich echt aus, so dass die Maler nur noch wenige Nachkorrekturen anbringen mussten. Insgesamt wurden 120 Platten gegossen, was ungefähr der Fläche von 240 Quadratmeter entspricht. Nun fehlten dem Baum noch die filigranen winzigen Äste, die als typisches Merkmal der Esche nicht fehlen durften. Bei einer Firma in Berlin wurde deswegen ca. 5.000 kleine biegsame Äste aus Draht und mit Kunststoff überzogen bestellt. Leider bietet diese Firma nur Äste mit Blättern an, so dass alle Äste erst einmal entblättert werden mussten, weil der Bühnenbildner Harald Thor eine „blattlose und tote“, aber doch realistische Esche wünschte.

Soweit die Produktion der Esche in Poing.

Damit aber nun im Nationaltheater um 16.00 Uhr die Vorstellung der Walküre beginnen kann, muss um 9.00 Uhr der Aufbau der Esche in Angriff genommen werden. Dafür werden mindestens acht Bühnenarbeiter, ein Hängemeister und ein Galerist benötigt. Es gilt, die Einzelteile des Baumes, sieben kaschierte Stahl-Styropor-Äste, zwei kaschierte Stahl-Styropor-Stammteile, zwei kaschierte Styropor-Stammverblendungen, eine hölzerne Schwertscheide und eine hölzerne Beleuchtungshalterung mit sieben Mini Par-Scheinwerfern mit 20 Gewindebolzen M10, vier Karosseriescheiben, 20 Muttern M10 und sieben Sicherheitsstecknägeln zusammen zu fügen. Nach dem ersten Aufzug bleibt die Esche bis zum Stückende im Schnürboden hängen und wird erst nach der Vorstellung abgebaut. Da nun die Aufführungsserie der „Walküre“ vorbei ist, lagert der Baum in vier Spezialtransportwagen im Außenlager in Garching.

Falls Sie noch mehr über die Esche im Nationaltheater und im Werk Wagners erfahren möchte: Die Serie 14 unseres Ring-Ordners geht intensiv auf dieses Thema ein. Sie finden die Blätter momentan in der Tageskasse am Marstallplatz und im Hausgöttersaal des Nationaltheaters.

Von Benedikt I. Stampfli

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