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6.12.13

„Die Glasharmonika hat uns gefunden“

Vielen Besuchern unserer Neuproduktion von Richard Straussʼ Die Frau ohne Schatten ist die Glasharmonika-Spielerin Christa Schönfeldinger aufgefallen. Der sphärische Klang ihres außergewöhnlichen Instruments ist für viele Zuhörer ungewohnt, aber auch die Platzierung: Die Glasharmonika steht nicht etwa im Orchestergraben, sondern in der linken Proszeniumsloge. Wir haben Christa Schönfeldinger vor einer Aufführung von Die Frau ohne Schatten zum Gespräch getroffen und viel über ein fast vergessenes Instrument gelernt.

Ein Instrument, das von Benjamin Franklin (Unabhängigkeitserklärung, Blitzableiter etc.) erfunden wurde und schon den jungen Mozart begeisterte, sollte eigentlich weltweiten Ruhm besitzen, so denkt man. Doch die Glasharmonika war nur kurze Zeit ein beliebtes Orchester- und Soloinstrument, nämlich von seiner Erfindung im Jahr 1761 bis ungefähr 1830, also knapp 70 Jahre. Gaetano Donizetti ist neben Richard Strauss vermutlich der einzige Komponist, der die Glasharmonika je in einer Oper zum Einsatz brachte. In Lucia di Lammermoor verlieh er Lucias Wahnsinn erst dadurch die nötige Klangmetapher. Und in Die Frau ohne Schatten schafft das Instrument am Ende des dritten Akts die nötige Sphäre. Umso einzigartiger ist es dann, einmal mit dem Instrument und dessen Interpret in Kontakt zu kommen, bedenkt man, dass sogar in diesen beiden Opern an vielen Häusern oft nur Einspielungen zu hören sind.

Das aber nicht ohne Grund: Weltweit gibt es nur ungefähr fünf professionelle Glasharmonika-Spieler! Für die Münchner Aufführung engagierte man eine von ihnen, Christa Schönfeldinger. Gemeinsam mit ihrem Mann Gerald lernte sie die Harmonika das erste Mal über ein Zeitungsgewinnspiel kennen. Mit einem Hochschulabschluss im Fach Violine beschließt das Paar kurzerhand die Geige durch die Glasharmonika zu ersetzen. „Nicht wir haben die Glasharmonika gefunden, sondern sie uns“, sagt Christa Schönfeldinger, deren Leben durch die Glasharmonika von Grund auf verändert wurde.

Nach der ersten Aufnahme einer Meditations-CD folgte ein Anruf aus Mailand mit einem Konzertangebot. Unwissend, ob es Noten oder überhaupt ein klassisches Repertoire für das Instrument gibt, machte sich das Duo auf die Suche und wurde v.a. bei Komponisten der Wiener Klassik fündig. Das Anwachsen der Orchester während der Romantik und den damit verbundenen verstärkten Klangraum überlebte die Glasharmonika jedoch nicht.

Doch gibt es eben aus der Zeit davor einige Stücke, die nun wieder entdeckt werden. Das Ehepaar weiß sich aber auch selbst zu helfen, indem es Stücke umschreibt. Das Werk Eric Saties ist dafür zum Beispiel prädestiniert, aber auch Arvo Pärt, der persönlich seine Erlaubnis zur Transkription gab, nachdem die Schönfeldingers nachgefragt hatten. Selbst komponiert wird natürlich auch. Mittlerweile sind sie weltweit gefragt, suchen sich aber die Auftritte gezielt aus. Als Geiger in den Orchestergraben zurück wollen beide auf jeden Fall nicht mehr. Dafür gefällt Ihnen das Leben als Individualisten zu gut.

Bleibt nur noch die Frage offen: Wie spielt man dieses Instrument überhaupt?

Die Glasharmonika besteht aus mehreren Glasschalen die waagerecht übereinander gelegt werden. Die uns bekannten schwarzen Tasten des Klaviers werden durch goldene Streifen gekennzeichnet. Durch Pedale, die ein bisschen an die alten Singer-Nähmaschinen erinnern, wird durch gleichmäßiges Treten die Harmonika um die eigene Achse gedreht. Die Finger berühren dann die einzelnen Schalen; so entsteht der Klang. Wichtig ist dabei, dass die Finger absolut fettfrei sind und regelmäßig durch ein daneben stehendes Schälchen mit Wasser befeuchtet werden.

„Unkraut jäten wäre am besten für die Finger“, sagt Christa Schönfeldinger lachend, denn dabei werden die Finger trocken und es entsteht mit den angefeuchteten Fingern der perfekte Kontakt für den wunderschönen Klang, der sogar heilende Kräfte haben soll. In Seminaren kann Frau Schönfeldinger mit ihrem Instrument sogar gezielt einzelne Körperteile anspielen und somit Spannungen lösen. Die Glasharmonika – ein wirklich umfassendes Instrument!

Hier noch eine kleine Kostprobe aus Christa Schönfeldingers Können:

Weitere Informationen

Von Maria Gaul

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Kommentare (2)

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  1. Ich habe die Glasharmonika erst bei meinem 3.Mal entdeckt,als ich halbrechts saß,hatte aber schon in der Premiere ganz links sitzend nach ihr gesucht.Der Klang war mir noch aus der Lucia-Premierenserie vertraut.Aber gerade hier nach dem “ich will nicht” der Kaiserin klingt die Glasharmonika überirdisch wie aus anderen Sphären!Dank an die Interpretin und unseren wunderbaren neuen GMD Petrenko für diesen Einsatz des Original-Instruments!!Mit besten Grüßen A.K.

    — Dr.Axel Kiefer · 9.12.13 · #


  2. Sehr interessant :>! Liebe Grüße

    — Pia · 9.01.14 · #




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