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23.04.13

Der Teufel im Detail

Christopher Carr ist zurück in München. Dieses Mal studiert der „Principal Guest Ballet Master“ des Royal Ballet nach „Scènes de Ballet“ (Steps & Times) wieder eine Choreographie von Frederick Ashton ein. „Birthday Offering“ – das sind 26 Minuten voll charmanter Eleganz und präzisester Balletttechnik, verfeinert mit kleinen Überraschungsmomenten, zu sehen bei der Terpsichore-Gala am 26. April. Mr. Carr erzählt über die individuelle Entstehungsgeschichte des nicht nur im Vereinigten Königreich äußerst beliebten Pièce d`occassion.

Persönliche Beziehung zum Werk

Zum allerersten Mal kam ich am Royal Ballet mit „Birthday Offering“ in Kontakt. Jemand anderes hatte das Schrittmaterial einstudiert, während ich dann als Coach und beim Probieren auf der Bühne als Ballettmeister dabei war.

Getanzt habe ich es selbst nie – leider, denn ich wollte als Tänzer unbedingt einmal in „Birthday Offering“ auftreten. Vielleicht war ich einfach nicht gut genug, oder zu dem Zeitpunkt, an dem es im Repertoire war, nicht in tänzerischer Bestform. Wann immer ich die Gelegenheit hatte, habe ich es angeschaut – es ist schier unmöglich, das Ballett nicht zu mögen, es ist einfach eine Freude es anzuschauen! „Birthday Offering“ ist nicht zu lang, nicht zu kurz – es zieht das Publikum in seinen Bann, weil es anders ist, aber dennoch immer im Bereich des guten Geschmacks bleibt – eben ein typischer Ashton! Das Schrittvokabular ist äußerst schwierig und noch dazu gibt es immer kleine Eigentümlichkeiten. So bleibt das Stück stets lebendig! Sir Fred mischte pure Schönheit gern mit diesen Überraschungsmomenten, damit das Publikum bei der Stange bleibt!

„Birthday Offering“ ist ein sehr glamouröses Ballett. Die Musikalität und Struktur ist nicht so kompliziert wie in „Scènes de Ballet“: Die Zählzeiten bei Strawinsky sind unregelmäßig, während die Musik Glasunows sehr melodisch ist und oft in den von den Tänzern geliebten Achter-Zählzeiten phrasiert ist. Balletttechnisch aber ist es trotzdem sehr anspruchsvoll!

Frederick Ashtons besonderes Talent

Das Stück wurde 1956 den sieben besten Ballerinen des Sadler’s Wells Ballet von Ashton förmlich auf den Leib geschneidert. Der Anlass war das 25-jährige Bestehen der Compagnie, daher auch der Titel: „Geburtstagspräsent“. Die sieben „leading ladies“ waren damals Elaine Fifield, Rowena Jackson, Svetlana Beriosova, Nadia Nerina, Violetta Elvin, Beryl Grey und natürlich Margot Fonteyn. Jeder Dame ordnete Ashton einen männlichen Tänzer als Partner zu. Ich kannte nicht alle Tänzerinnen persönlich; Violetta, Rowena und Elaine habe ich nie kennengelernt.

Das Interessante an der Choreographie von „Birthday Offering“ ist: Trotzdem ich nicht alle Damen persönlich kannte, denke ich, ich habe einen Eindruck von ihren individuellen Persönlichkeiten. Warum? Weil ich ihre Solovariationen lernte, die Notation studierte, unzählige Male Videoaufnahmen und Live-Auftritte sowie Proben sah. Ashton kam stets vorbereitet ins Studio, die Musik kannte er wie seine Westentasche. Er kam mit einem Ziel: das Beste aus den sieben Starballerinen herauszuholen, ihre Vorzüge aufzupolieren und ins Rampenlicht zu stellen. Nadia Nerina zum Beispiel konnte himmelhoch springen – ihr Solo besteht also aus vielen Sprüngen. John Cranko hatte gerade für Elaine Fifield die Titelrolle in seinem Stück „Pineapple Poll“ kreiert – also gab Ashton ihr ein zuckersüß puppenhaftes Solo. Beryl Grey war der Charme in Person – und Ashton hat versucht, das in ihrem Solo auszudrücken, ihr Fokus ist stets aufs Publikum gerichtet. Margot Fonteyns Solo ist nicht mehr und nicht weniger als grandios; und das muss so sein, sie bildet den Mittelpunkt, sie ist die Primaballerina. Ihre Variation ist wirklich sehr knifflig.

Frech, wie Sir Ashton manchmal war, hat er es Margot so sprichwörtlich vor die Füße geworfen. Margot konnte unheimlich gut auf Spitze balancieren, zum Beispiel im Rosenadagio in „Dornröschen“. Also gab Ashton ihr im „Birthday Offering“-Pas de deux viele Balancen. Er wusste um die Talente seiner Tänzer und brachte diese zum Leuchten. Sir Fred war außerdem ein sehr guter Imitator: seine Queen Victoria-Parodie war anscheinend besonders gut, so wird es erzählt! Er hatte eben einen Sinn für Humor und das sieht man auch in seinen Balletten.

Die Männer in „Birthday Offering“

Zu dieser Zeit beim Royal Ballet (Sadler’s Wells Ballet) und eigentlich generell in der Ballettwelt – wir reden über das Jahr 1956 – standen die männlichen Tänzer eher im Hintergrund. Sie waren als Partner gefragt, und wenn ihnen ein Solo in einem dritten Akt zuteil wurde, war das schon eine Riesensache. Ihre Technik war einfach nicht so stark wie die der Frauen. 1956 war Rudolf Nureyev noch nicht in London angekommen. Sir Fred suchte sich also die sieben besten aus der Compagnie für „Birthday Offering”. Das Stück wäre ja viel zu lang geworden, hätte jeder Mann noch eine Solovariation! So gab Ashton den Männern einen gemeinsamen Tanz, sozusagen eine „Variation à sept“. Welcher im Übrigen trotzdem sehr anspruchsvoll ist, nicht nur für 1956 – sondern auch für Tänzer von heute! Der Teufel steckt im Detail: die Übergänge, die Präzision und die Kondition! Die Choreographie ist sehr effektiv und zusammen mit der Musik wirklich gewaltig! Michael Somes, der Pas de deux-Partner von Margot Fonteyn, hat in diesem Tanz eine Serie von doppelten Tours en l’airs – die waren seine Stärke. Also hat Ashton sie in den Tanz eingebaut! Sie erinnern sich: Michael Somes war auch der Solist in „Scènes de Ballet“ und auch da hatte er eine Serie von Tours en l’airs, sogar mit Richtungswechsel!

Die Damensoli – ähnlich der Feenvariationen in „Dornröschen“?

Ja, Sir Fred liebte „Dornröschen“. Er sagte immer: Wenn er eine Lehrstunde in Choreographie brauche, würde er sich einfach den Prolog von „Dornröschen“ anschauen. Die Struktur, die einzelnen Variationen der Feen, das Ensemble, die Feenbegleiter – all das faszinierte Ashton, er wusste das choreographische Handwerk sehr zu schätzen. Die Struktur von „Birthday Offering“ ist der des „Dornröschen“ Prologs sehr ähnlich.

“Birthday Offering” in ein paar Worten

Die Choreographie ist außerordentlich klug und geistreich – solange niemand die Treppe runterstolpert ist das Stück einfach vollkommen. In meinen Augen: Perfektion.

Von Wiebke Schuster

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