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30.04.13

Der Papier-Regisseur bei der Arbeit

Vielen Opernbesuchern, besonders denjenigen mit Kindern, ist sicher die CAMPUS-Broschüre des Kinder- und Jugendprogramms bekannt. Seit 2010 wird das Programm von einer illustrierten Bildstrecke begleitet, zunächst über verschiedene Berufe am Theater.

Die aktuelle Staffel stellt jeweils eine Produktion vor. Man könnte auch sagen: den Inhalt einer Oper oder eines Balletts als Mini-Comic. Während die Bilder der ersten Staffel über Theaterberufe eher nach einem dokumentarischen Vorgehen verlangten, stellt die Umsetzung von Opern- und Ballettstoffen ganz andere Anforderungen.

Weil die vorgestellten Stücke allesamt am Haus gespielt werden, ist es wichtig, nichts von der Inszenierung zu verraten. Das räumt mir als Illustrator eine große gestalterische Freiheit ein: Ich agiere dann quasi als Papier-Regisseur, Papier-Ausstatter und Papier-Bühnenbildner.

In der aktuellen CAMPUS-Broschüre stelle ich die Handlung von Gaetano Donizettis „L’elisir d’amore“ vor – die Geschichte von Nemorino, der mit einem (vermeintlichen) Liebestrank das Herz von Adina erobert.

Einer der ersten Schritte ist die Suche nach der Form der Protagonisten. Wie stelle ich mir die Figuren vor? Was haben die einzelnen Charaktere für eine Körperhaltung? Wie sind sie angezogen? Welche Frisur haben sie? Vielleicht bekommt Nemorino eine 50er Jahre Föhntolle? Und wie bekommt Dulcamara ein unseriöses Aussehen?

Dies geschieht oft im Skizzenbuch. Ohne Skizzenbuch verlasse ich eigentlich nie das Haus. So können die Entwürfe überall festgehalten werden. Im Café, auf einer Parkbank, in der U-Bahn oder im Zug:

In einem nächsten Schritt versuche ich möglichst viele Elemente der einzelnen Figuren provisorisch festzulegen:

Wenn ich mein Ensemble beisammen habe, geht es darum, die Handlung der Geschichte „einzukochen“ und eine Umgebung zu schaffen. Bei „Hänsel und Gretel“ (in der letzten CAMPUS-Broschüre) setzte ich zum Beispiel eine Betonung auf die märchenhafte, fantastische Kulisse. Hier beim „Liebestrank“ stehen die Figuren in einer eher zurückhaltenden Umgebung im Mittelpunkt. Da mir in der Broschüre nicht unbegrenzt Platz zu Verfügung steht, muss ich den Inhalt auf die wichtigsten Ereignisse zusammenfassen. Meistens versuche ich die Geschichte mit zehn Bildern zu erzählen – hier sieht man zwei davon:

Jetzt kann ich beginnen, die Komposition der einzelnen Bilder zu präzisieren. Die Größenverhältnisse und Körperhaltungen bzw. Bewegungen werden festgelegt:

Nun kommt der Arbeitsschritt, den wir Zeichner „Inking“ nennen. In der Comicindustrie werden hierfür sogenannte „Inker“ angestellt. Diese Leute überzeichnen die Bleistiftvorlagen mit Tusche. Bei mir ist dieser Arbeitsschritt eher eine weitere Möglichkeit, die Zeichnung, die Komposition nochmals zu überdenken. So gesehen halte ich mich nur bedingt an die Vorzeichnung. Obwohl die Zeichenfeder ein sehr präzises Arbeitsgerät sein kann, interessieren mich die unberechenbaren Aspekte einer Tuschezeichnung viel mehr: ungewollte Tropfen, ein zu dick geratener Strich, ein zu dünner, die Federspitze die plötzlich im Papier stecken bleibt und dann wegschnellt – gibt wunderschöne Spritzer. All dies verleiht der Zeichnung eine große Lebendigkeit:

Die fertigen Tuschezeichnungen werden nun mit dem Scanner eingelesen. Am Rechner lassen sich ganz gezielt störende Flecken entfernen oder zu viel „Lebendigkeit“ beruhigen. Eigentlich ist eine Zeichnung eine Anhäufung von Linien, denen die Augen wie auf einem Schienennetz folgen. Das Auge hat aber die tolle Eigenschaft fehlende „Streckenteile“ zu ergänzen. So kann ich also in der Zeichnung etwas weglassen und unser Gehirn „denkt“ das Bild zu Ende. Dies ist im Schlussbild gut zu sehen. Die Szene zeigt ein begeistertes, jubelndes Familienpublikum. Die meisten Körper der Figuren sind nur schwach ausformuliert. Dies funktioniert allerdings nicht immer. Wenn ich ein Bild prüfe und mein Auge an einer Stelle hängen bleibt, wo sich die Linien zu einem falschen oder unschönen Bild verbinden, dann weiß ich, dass ich hier noch was ändern muss. Aber auch die gezeichneten Augen der Figuren sind ein weiterer wichtiger Punkt. Wenn diese stimmen, stimmt meist der Ausdruck der ganzen Figur. Oft sind Zehntelmillimeter entscheidend, ob der Blick in die gewünschte Richtung weißt oder nicht. Auch dies lässt sich elektronisch sehr fein anpassen:

Alle Bilder werden neben Schwarz mit zwei Buntfarben koloriert. Stellenweise werden diese zwei Farben übereinander gedruckt. An diesen Stellen entsteht eine Mischfarbe, also ein dritter Ton, ohne eine dritte Farbe drucken zu müssen. Gut zu sehen im Pullover von Nemorino. Zum Schluss setze ich die Texte. Die einzelnen Szenen sollen einfach, verständlich und mit möglichst wenig Worten umrissen werden. Auch hier wird der Inhalt auf ein wesentliches Ereignis fokussiert:

Wenn dann die mit CAMPUS-Broschüren gefüllten Kartons geliefert werden, freue ich mich schon auf den herrlichen Duft von frischer Druckfarbe beim Öffnen. Gut, für manch einen mögen sie vielleicht auch stinken. Ich jedenfalls könnte dauernd daran schnuppern!

Wer jetzt neugierig geworden ist und die CAMPUS-Broschüre haben möchte, schreibt an marketing@staatsoper.de. Gerne senden wir kostenlos ein Exemplar zu.

Und die Bildergeschichte zu Gaetano Donizettis „L’elisir d’amore“ selbst gibt’s demnächst hier im Blog!

Von Patrick Widmer

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Kommentare (1)

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  1. Die Opernsänger der Broschüre sind nicht nur für Kinder sehr ansprechend und lebendig dargestellt. Auf die Zeichnungen der Oper „L’elisir d’amore“ freuen wir uns schon. Die Opernsänger haben in der Campus Broschüre so ausdruckstarke Gesichter. Heutzutage wollen Kinder beinflusst von dem Gang der Zeit keinen Opern-Gesangsunterricht mehr. Vom Kindergarten an wird modernes gesungen. Die Broschüre insipriert den Nachwuch-Sänger in die Welt der Oper eingeführt zu werden. Große Klasse!! Es ist doch schade das gerade im Breich von Gesang seit der Entwicklung des Mikrofons der graduelle Untergang zu beobachten ist. Jeder der nicht singen kann , kann in ein Mikofon hauchen oder schreien. Auf der Opernbühne braucht es halt eine ausgebildete Gesangsstimme und einen fundierten Gesangsunterricht. Hoffen wir das wir ein Wiederaufleben der Opernkultur in der neuen Generation erreichen können. Indem wir die Oper durch zeitnahe Dinge wie der Campus Brochüre unseren Kindern und Jugentlichen etwas näher bringen sind wir schon einen Schritt in die richtige Richtung gegangen.

    gesangsunterricht-münchen.net · 3.05.13 · #




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