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29.05.11

Anders als bei Disney

Es ist eine jener Geschichten, deren Anfang jeder kennt, deren Ende kaum einer: Die kleine Meerjungfrau, Nymphe, Wassernixe – seit Disney: Arielle – wünscht sich ein Mensch zu sein, was ihr eine Hexe im Tausch gegen ihre schöne Stimme auch ermöglicht. Was für ein Handel! Auf menschlichen Beinen darf sie stumm versuchen, die Liebe eines Prinzen zu erlangen und findet diese bei Disney natürlich auch. Nun, es war bereits bei Hans Christian Andersen härter, und erst recht bei Dvořáks Rusalka geht es unter der Märchenoberfläche düster zu, was in der Inszenierung von Martin Kušej aufs Schaurigste zu bestaunen ist.

In dieser Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper folgen wir Rusalka zunächst hinauf zu den Menschen, schauen ihr zu bei ihrem Befreiungsversuch und ihrem Aufbruch in eine Welt, die nicht die ihre ist. Wir beobachten ihre krummen Gehversuche in einer Gesellschaft, deren Regeln sie nicht beherrscht, nicht versteht und in der sie auch nicht kommunizieren kann. Rettend und fatal zugleich ist immer wieder Rusalkas Sehnsucht nach ihrem Element, dem Wasser, das ihr Geborgenheit und Vertrautheit wiedergibt.

Auf das Tasten, Probieren und Wagen der Rusalka trifft nun das gewaltige Menschsein: In ihrer ersten Begegnung damit gerät sie ahnungslos vor die Schrotflinte des Prinzen auf der Jagd. Die Spannung kulminiert in einem Tanz der weißen Bräute mit enthäuteten Rehkadavern bei der Hochzeitsgellschaft. Hier reimt Kušej Bräute auf Beute und Weh auf Reh – und in diesem Tanz ist alles drin, Blut, Sex, Lust, Fraß, Abstoßung, Wahnsinn. Alles, was das Wort Abgrund beinhalten soll, und es doch nie annähernd fassen kann (eine Art Zerberus des Unaussprechlichen).

Ach stimmt – der Prinz, überhaupt. Befremdet und angezogen zugleich hatte er Rusalka gleich heiraten wollen, sich aber, verführt durch eine sehr irdische und regelkundige Dame, sogleich wieder von ihr abgewandt, so dass die Aufgabenstellung für Rusalka nicht aufgeht. Sie erfährt auf Nachfrage bei der Hexe, dass sie sich selbst wieder zurück ins Wasser retten könnte, wenn sie menschliches Prinzenblut vergießt, entscheidet sich aber gegen diese Möglichkeit. Am Ende begegnen sich die beiden in einer Grauzone wieder, in der der Prinz sich schließlich den Dolch selbst in die Brust rammt.

Hier ist es, das Ende, das man nicht kannte, offen wie das Meer, auf dem die Meerjungfrau bei Andersen zur Schaumkrone wird (poetischer, aber auch nicht gerade happy). Zerfasert, und un-schlüssig. Und doch: Angekommen ist man hier, in der Irre und im Irrlicht, nachdem eine Geschichte die ganz großen Fragen in einem Ausgangshandel verknüpft hat, diese angefangen hat auszubuchstabieren und dafür keine eindeutige Lösung parat hält. Die Fragen waren hier wichtiger, größer als die Antwort, und wichtiger als die Auflösung war, sie zu stellen.

Und gleichzeitig ist dieses Fragenknäuel als „lyrisches Märchen“ gewandet, und dass Rusalka als Irrlicht, in der Irre, endet, das passt dann doch wieder: Hierhin, Märchen hörendes Volk, führt das alles, und diese Fragen zu stellen macht uns aus.

Und ganz ehrlich, wen berührt dann noch das Happy End bei Arielle?

Von Maria März

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Arielle, die Meerjungfrau (© Disney)

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