14.02.12
Amor an der Abendkasse
Ich war gerade frisch als Volontär nach München gezogen. Im Oktober 2002 reihte ich mich erstmals in die Abendkassenschlage an der Bayerischen Staatsoper ein. Verdis „Un ballo in maschera“ stand auf dem Spielplan. Bei ihrer Uraufführung in Rom hatte die Oper beinahe eine Revolution ausgelöst. Ganz so weit kam es diesmal zwar nicht – aber trotzdem war nach diesem Abend vieles anders als zuvor.
Direkt vor mir stand in der Studentenschlange ein nettes, blondes Wesen. Eine Münchnerin, die, wie ich nebenbei erfuhr, gerade in Paris studierte und nur für ein paar Tage in der Stadt war. Schade eigentlich, dachte ich. Ich fragte sie trotzdem, wie das denn mit den Studentenkarten so gehandhabt werde. Fröhlich und klar erhielt ich ihre Antwort, und ihre Art gefiel mir so, dass ich während der Vorstellung an vieles dachte, nur nicht recht an den Inhalt der Oper oder das Besetzungs-Memory meiner rüstig-gesprächigen Sitznachbarin vor der Ouvertüre. Nun, ich gebe zu – die Vorstellung rauschte ein wenig an mir vorbei. Aber ist Rausch nicht auch etwas Schönes? Etwas ungeduldig erwartete ich die Pause, in der diffusen Hoffnung, der jungen Dame „zufällig“ erneut über den Weg zu laufen.
Der Besetzungszettelaushang im 2. Rang links war unser Treffpunkt und unser Glück. Und ein bisschen auch die schwierige Lage auf dem Münchner Wohnungsmarkt. Gemeinsam mit der sie begleitenden Freundin sprachen wir über die nervenaufreibende Zimmersuche und die Idee, eine WG zu gründen. So kam es glücklicherweise zum E-Mail-Adressen-Tausch, zumindest zwischen der Begleitung und mir.
Es dauerte nicht lange, bis meine Mailadresse schließlich bei der Richtigen angelangt war; und bis wir uns beinahe täglich schrieben, um die rund 850 Kilometer zwischen München und Paris zu überbrücken. Wenige Paare dürften sich mangels physischer Präsenz am Anfang ihrer Beziehung schriftlich so intensiv über Jackson Pollock-Ausstellungen, Pierre Boulez und die unterschiedlichen Schlüsse des Balletts „Schwanensee“ ausgetauscht haben. Doch aus der Liebe zur Kultur wurde bald mehr…
Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach unserem Kennenlernen gingen wir wieder in den „Un ballo in maschera“; diesmal als in München lebendes Paar und mit voller Konzentration aufs Bühnengeschehen. Schmunzelnd warfen wir einen Blick auf die Studentenschlange an der Abendkasse. Heute, nach bald zehn Jahren, sind wir verheiratet – und natürlich nicht nur uns, sondern auch der Bayerischen Staatsoper treu geblieben.
Von Valentin Tag



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Was für eine schöne Geschichte! Das ist das Leben! Herrlich, dass ihr das hier veröffentlicht. Zeigt es doch nicht nur eine gewisse Leichtigkeit im Bloggen – ganz so, wie ich es mag. Sondern auch wie man eine emotionale Bindung zu einer Kulturinstitution haben kann! So soll es sein!
— Anke von Heyl · 21.02.12 · #
Danke für diese schöne Geschichte! Auf so ein Erlebnis warte ich auch, seit ich in die Oper gehe!!! ;-)
— Michi Minner · 22.02.12 · #