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21.01.13

„Schau mal, das bin ich!“

Ein grauer Sonntag im Januar, eine Menschenschlange vor der Oper und Gedränge im Foyer der Königsloge. In einem silbernen Kubus hängen großformatige Bilder von Spencer Tunick und zeigen fast 2000 rote und goldene Menschen. Farbe im Januar.

„Schau mal, das bin ich!“ sagt ein Vater stolz zu seiner etwa fünfjährigen Tochter und deutet auf einen kleinen goldenen Punkt weit hinten auf den Stufen der Oper. Auf der vier Meter breiten Fotografie verliert sich dieser Punkt im Nichts und dennoch, es ist der Papa. „Warum stehst du denn nicht ganz vorne?“ fragt die Kleine und geduldig erklärt der Teilnehmer, dass man sich das nicht aussuchen konnte, sondern dass der Künstler bestimmt hat, wo man steht.

Am 13. Januar konnten die Teilnehmer, die sich im Juni 2012 für Spencer Tunick ausgezogen hatten, ihr Bild – Dank und Erinnerung zugleich – abholen und die Ausstellung mit den in München entstandenen Werken von Tunick sowie den Making-Of-Fotos von Wilfried Hösl anschauen. Die Freude der Teilnehmer darüber, sich selbst auf den Fotos zu entdecken, war unüberhörbar. Viele kamen mit Freunden, Partnern oder Kindern – einige selbst aus der Ferne –, um die unvergessenen Stunden vom Juni wieder aufleben zu lassen.

Der Ring von Spencer Tunick war sehr viel mehr als Kunst. Es war ein Erleben von Gemeinschaft, eine Erfahrung, die vielleicht auch die Stadt und die Menschen unserer Stadt ein bisschen verändert hat. Die Menschen, die sich für Spencer Tunick auszogen, haben erfahren, dass Schönheit nicht das ist, was Werbung und Alltag oft vorgeben. An diesem Juni-Morgen war jeder schön. Egal ob dick oder dünn, alt oder jung, rot oder gold.

Die Kunstaktion war für alle Beteiligten eine einzigartige Erfahrung – vor und hinter den Kulissen! Die besondere Herausforderung bei der Umsetzung war, dass es einerseits um das Ermöglichen von Kunst, andererseits aber auch um eine große Zahl von Menschen, um deren Sicherheit und Wohlbefinden ging. Deshalb erforderte die Vorbereitung das Zusammenspiel, die Begeisterung und die Unterstützung der unterschiedlichsten Akteure: neben vielen Abteilungen der Staatsoper (künstlerisches Betriebsbüro, Technik und Verwaltung, Betriebsbüro, Marketing und Presse, Maske und Kostüm) waren auch das Kreisverwaltungsreferat, der MVV, die Polizei und der Brandschutz, das Baureferat, die Straßenreinigung, Taxi-Unternehmen, Sicherheitsdienste und das Rote Kreuz beteiligt. Schließlich musste die Absperrung der gesamten Innenstadt mit Umleitung des Verkehrs organisiert werden und Absprachen mit anderen zeitgleichen Aktivitäten im Herzen Münchens getroffen werden.

Nach Wochen der Planung und Vorbereitungen war der Moment unvergesslich, als im rosafarbenen Licht der aufgehenden Sonne eines herrlichen Sommertages die ersten roten Menschen aus dem Hofgarten in die Ludwigstrasse marschierten. Ein unglaubliches Bild – eingebrannt in die Erinnerung – und eine warme Welle von unbeschreiblicher Energie: Fröhlichkeit, Verbundenheit dieser Menschen voller Erwartung und freudiger Spannung. Ein bewegender Moment, der auch in Träumen noch wiederkehrt. Solche Bilder bleiben – vielleicht ein Leben lang.

Eine Frage bleibt jedoch offen: Warum haben sich nun so viele Menschen ausgezogen und was bleibt diesen Menschen und uns Betrachtern von Tunicks Bildern? Vielleicht eine starke Sehnsucht nach Unverstelltheit und Echtheit. „Naked we come, naked we go“, meinte einst ein afrikanischer Musiker und drückt damit alles aus: All der Reichtum, all der Konsum macht letztendlich nicht glücklich.

Vielleicht hat Spencer Tunick bewiesen, dass wir nackt und unverstellt mit vielen anderen Menschen am menschlichsten sind. Eine fast kindliche Freude über das farbige Nacktsein war jedenfalls bei den Teilnehmern zu erleben und vielleicht berühren die Bilder von Tunick genau deshalb: Authentizität und Natürlichkeit der vielen Individuen sind spürbar, wenn man die roten und goldenen Körper in unterschiedlichsten Anordnungen betrachtet.

Die Präsentation von Spencer Tunicks ‘Ring’ ist noch bis zum 27. Januar 2013 im Foyer der Königsloge für alle Besucher der Vorstellungen im Nationaltheater zu sehen. Weitere Informationen

Von Deike Wilhelm

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  1. Test

    — Jochen · 28.07.13 · #




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